Das Länderschwerpunkt Programm des diesjährigen freiburger film forum beleuchtet mit formal sehr unterschiedlichen Filmen verschiedene Phasen der iranischen Dokumentarfilmgeschichte seit Ende der 60er Jahre. Die Vielfalt des iranischen Dokumentarfilmschaffens seit dem Beginn der 60er Jahre ermöglichte es, ein Programm zusammenzustellen mit filmästhetisch einzigartigen ethnografischen, gesellschaftskritischen und religiöse Riten darstellenden Filmen, die das Leben der städtischen und ländlichen Bewohner des Vielvölkerstaats Iran beleuchten. In dem Programm werden sowohl Klassiker der iranischen Dokumentarfilmgeschichte, als auch neuere Produktionen der Reformpolitik unter Präsident Khatami gezeigt.

Kamran Shirdel gilt als Begründer des sozialkritisch orientierten Dokumentarfilmschaffens im Iran. Er widmete sich im Auftrag des Ministeriums für Kunst und Kultur sozialen Themen und Randgruppen der iranischen Gesellschaft: inhaftierten Frauen und ihren Kindern in FRAUENGEFÄNGNIS (1965), Prostituierten in FRAUENVIERTEL (1966/80) und einem Armenviertel in TEHERAN IST DIE HAUPTSTADT IRANS (1966/80). Shirdel demontiert in DIE NACHT IN DER ES REGNETE (1967/79) nicht nur einen alten iranischen Schulbuchmythos über das Heldentum, sondern er macht sich im Film über seinen Auftrag lustig, einen jugendlichen Helden filmisch portraitieren zu müssen.
Die Autoren Parviz Kimiavi und Nasser Thaghvaie realisierten Ende der 60er und Anfang der 70er – wie viele Dokumentarfilmer – ethnografische und die nationale persische Kultur (-geschichte) behandelnde Beiträge für das nationale Fernsehen – ein Weg, Probleme mit der Zensur zu umgehen. In Kimiavis OH, BESCHÜTZER DER GAZELLEN (1970) wird die Grabstätte des Imam Reza in Mashhad, im Gegensatz zu anderen iranischen Filmen über das Heiligtum, nicht verherrlicht, sondern als Pilgerort mit Widersprüchen dargestellt. Der Prunk des Pilgerorts steht der Armut der bittenden Gläubigen gegenüber. Nasser Thaghvaies nähert sich dem südiranischen Besessenheitskult in DER WIND DES DJINN (1969) mit einer Einführung durch ein Gedicht von Ahmad Shamlu. Diese poetische Art des Kommentars ist in der persischen Kultur stark verwurzelt und wird von Filmemachern in Dokumentar- und Spielfilmen häufig verwendet. Nasser Thaghvaie und Parviz Kimiavi gehören zu den Autoren, die ihre spätere internationale Karriere als Spielfilmregisseure zunächst als Dokumentarfilmer begannen. Sie waren wie viele Filmautoren in dieser Zeit mit einer Gruppe von Regisseuren (Bahram Beyzaie, Dariush Mehrjui, Masud Kimiai u.a.) assoziiert, die 1973 den ‘Verein fortschrittlicher Filmemacher’ begründeten, um sich von dem iranischen kommerziell ausgerichteten Kino abzugrenzen. Filmautoren, die das Leben der iranischen Bevölkerung nicht mit der Ästhetik des kommerziellen Unterhaltungsfilms darstellen wollten, drehten fortan im Geiste einer iranischen ‘Nouvelle Vague’ (Moj-e no’u).

In der Phase 1979-1982, direkt nach der iranischen Revolution, kam die nationale Spielfilmproduktion zwar zum Erliegen, aber viele zuvor verbotene Dokumentarfilme wurden nun im Fernsehen ausgestrahlt, auch Shirdels DIE NACHT N DER ES REGNETE durfte fertiggestellt werden. Soziale und politische Themen standen nun im Mittelpunkt, wie in Amir Naderis DIE SUCHE (1979/80), der sich mit Opfern des Geheimdienstes Savak befasst, Moghaddasians BRICK KILN (1981) über die Ausbeutung von Ziegelarbeitern oder Mokhtaris DIE MIETERSCHAFT (1982), der Wohnungsprobleme in Teheran zum Thema macht. Die Erstausstrahlung des Films zog eine nationale politische Debatte nach sich. Im Gegensatz zu Mokhtaris früheren eher ethnografischen Filmen wie DER JOCKEY (1975), KAVIAR (1979) oder DAS BROT DER BELUTSCHEN (1980), in denen er die alltägliche Arbeit bestimmter Bevölkerungsgruppen beobachtet, ist DIE MIETERSCHAFT eher im Stil des Direct Cinema gedreht: Man hat den Eindruck, die sich streitenden Akteure würden die bewegliche, fast distanzlose Handkamera nicht bemerken.

1983 war die iranische Filmproduktion in einer postrevolutionären und durch den Ersten Golfkrieg bestimmten Krise. Der Filmbeauftragte des ‘Ministeriums für Kultur und islamische Führung’ erarbeitete zusammen mit anderen Beauftragten einen Plan zur Stärkung der am Boden liegenden Filmwirtschaft; die halb staatliche Farabi-Stiftung wurde gegründet. Durch die Fürsprache von Farabi wurde der iranischen Spielfilm seit Mitte der 80er Jahre wieder international bekannt, insbesondere die Filme von ‘Kanoon’. Abbas Kiarostami drehte schon seit 1969 Filme für ‘Kanoon’, das halbstaatliche ‘Institut für die geistige Entwicklung von Kindern und Jugendlichen’. Kiarostami ist wie die meisten iranischen Filmautoren ein Grenzgänger zwischen Fiktion und Realität: In Spielfilmen lässt er Kinder oder Laiendarsteller Alltagssituationen spielen, um auf diesem Wege die iranische Gesellschaft zu reflektieren; Dokumentarfilme wie DER MITBÜRGER (1983) sind wie viele iranische Dokumentarfilme inszeniert und haben einen indirekten narrativen Stil.

In den 80er und 90er Jahren wurden die meisten Dokumentarfilme für das nationale Fernsehen IRIB produziert. Wie schon in der Schahzeit wurden wieder ethnografische, länderkundliche und religiöse Themen von den Autoren gewählt. Dazu gehören auch die weiteren Filme Ebrahim Mokhtaris, die sich in DIE REISE DES FISCHERS (1986) und SAFRAN (1992) dem Arbeitsalltag der Landbevölkerung widmen. In MOLLAH KHADIJEH UND DIE KINDER (1997) portraitiert Mokhtari eine alte Lehrerin, die Kindern im Vorschulalter in einem Maktab Khaneh, einer traditionellen, im Iran kaum noch vorzufindenden Schule, den Koran lehrt. Im Gegensatz zu dem beobachtenden, kaum kommentierenden Mokhtari stellt Mohammad Reza Moghaddasian das harte Arbeitsleben der Landbevölkerung in WAVE (1987), THE SONG OF TAYMOOR PLAIN (1988) oder THE SONG OF NIMEVAR (1988) mit Stilisierungen und einer symbolhaften Filmsprache in einen mystischen Kontext. Unter den IRIB Produktionen finden sich auch Dokumentarfilme ohne Kommentar, die mit einer ruhigen, langsamen Kameraführung arbeiten: Bahram Azimpoors schildert in DIE FÄHRE (1996) den Arbeitstag eines Fährjungen. In AN DER SCHULE VON SEYED GHELISH ISHAN (1996) beobachtet Farshad Fadaiyan den Schultag von Jungen, die ein religiöses Seminar besuchen.

Seit im Sommer 1997 Präsident Khatami gewählt wurde, hat sich die Kulturpolitik unter dem neuen Kultusminister Mohajerani liberalisiert. Halbstaatliche Institutionen wie die ‘Iranian Young Cinema Society’ fördern und vertreiben sehr persönliche Dokumentarfilme wie z. B. Mehrdad Hosseini Oskoueis DAS HAUS MEINER MUTTER, DIE LAGUNE (1999) – ein intimes Portrait einer Fischerin und ihrer Mutter.

Mohammad Atebbais ‘Iranian Independents’ ist eine neue Institution, die Dokumentarvideos des iranischen Independent Cinema vertreibt. Viele dieser Filme touchieren bisherige Tabuthemen: die Situation afghanischer Flüchtlinge in SCHOOL IN THE CORNER (2000) von Farzad Tohidi und MirHusain Nuris AFGHAN ABAD (2000) sowie die Träume einer alleinlebenden jungen Frau in ALONE IN TEHERAN (1999) von Pirooz Kalantari. Maziar Bahari portraitiert in PAINT! NO MATTER WHAT (2000) einen Teheraner Künstler und in ART OF DEMOLITION (2000) schildert er, wie eine Künstlergruppe ein zum Abriss bestimmtes Haus besetzt und in eine populäre Galerie verwandelt. Behzad Khodaveici folgt in TRAIN OF 8:30 einem Studenten, der sich mit Unterschriftenlisten und Beschwerdebriefen für die Einführung von Restaurants in Zügen engagiert.
Ebrahim Mokhtari produzierte unabhängig von staatlichen Institutionen zusammen mit französischen Koproduzenten seine letzten beiden Filme – Portraits von beeindruckenden Frauen, die ihren individuellen Weg verfolgen: MOKARRAMEH, ERINNERUNGEN UND TRÄUME (1999) und SINAT, EIN BESONDERER TAG (2000). Seit vor einem halben Jahr konservative Kräfte den Rücktritt des liberalen Kultusministers Mohajerani forcierten, ist noch unklar, in welche Richtung sich die iranische Filmpolitik entwickeln wird. (Andrea Wenzek)