Die Rückkehr ins Herkunftsland ist weltweit ein Traum vieler MigrantInnen. In den dokumentarischen Filmen dieses Schwerpunkts erweist sie sich jedoch nicht als die erhoffte Ankunft in der Heimat, sondern als ein Weg in die Fremde und zum Teil auch als Abschied von einer Illusion. Anstatt zu glücklicher Wiedervereinigung im Zeichen eines gemeinsamen Ursprungs zu führen, zeigt die Begegnung mit den zurückgebliebenen Verwandten das Trennende und die Sprachlosigkeit angesichts der unhintergehbaren Fremdheit.

In DES VACANCES MALGRÉ TOUT müssen die Mitglieder einer algerischen Familie aus Frankreich beim Besuch im Heimatdorf der Eltern erfahren, dass sie nach jahrelanger Abwesenheit mit den Menschen ihres Geburtslandes nicht mehr viel gemein haben und ihnen auch der Bezug zum Ort selbst abhanden gekommen ist. Gerade bei der zweiten Generation der Auswanderer zeigt sich die Diskrepanz zu den Wertvorstellungen der daheimgebliebenen Verwandten. Kein Wunder also, wenn sich die in Frankreich aufgewachsenen Töchter nicht mit dem Spielraum zufrieden geben wollen, der Frauen in einem algerischen Dorf traditionellerweise zugestanden wird.

Besonders deutlich tritt die Fragwürdigkeit der mit Rückkehrphantasie hervor, wo das Motiv des Ursprungs verdoppelt wird und die Reise ins Herkunftsland Adoptivkinder zu ihrer leiblichen Mutter führt. In DAUGHTER FROM DANANG verläuft die Begegnung der nach dem Vietnamkrieg zur Adoption in die USA gegebenen Tochter mit ihrer vietnamesischen Mutter zunächst sehr herzlich und berührend; die unterschiedlichen Erwartungshaltungen und kulturellen Verhaltensmuster führen jedoch bald zu heftigen Konflikten. VIAJE EN TAXI dagegen schiebt die Begegnung auf und richtet die Aufmerksamkeit auf das, was im Vorfeld geschieht: Ein Taxifahrer wird zum Gesprächs-partner und Vertrauten für den Regisseur aus der Schweiz, der erstmals seine Mutter in Lima besucht. Angesichts der Intimität des Zusammentreffens rückt in beiden Filmen die Frage nach der Funktion der Kamera besonders in den Blick, die das Ereignis nicht nur begleitet sondern seine Authentizität von vornherein bricht und nicht zuletzt vor zu vielen Gefühlen schützt.

Allen Werken dieses Schwerpunkts ist gemein, dass sie Fragen nach dem Sinn von Begriffen wie Ursprung, Heimat und ‘eigentlicher’ Identität anhand jener ‘displaced persons’ aufwerfen, die in einer globalisierten Welt mit ihrer asymmetrischen Machtverteilung, ihrem ökonomischen Gefälle, ihren postkolonialen Kriegen und ihren schwindenden Entfernungen immer mehr werden. Die Ungleichheiten dieser Welt teilen sich dabei den Szenen einer Rückkehr mit, die nicht mehr ist, was das Wort verspricht.
Neriman Bayram