Nachdem Fichte mit dem ‘Versuch über die Pubertät’ unübersehbar ein Kapitel seiner literarischen Geschichte beendet hat, veröffentlicht er zwei Jahre später eigentümliche Reportagen über das brasilianische Bahia, über Haiti und Trinidad. Sie stehen unter dem Titel des afrikanischen Donnergottes, der in den - mit der Unterzeile des Titels als Forschungsgegenstand ausgewiesenen - afroamerikanischen Religionen eine herausragende Rolle spielt: ‘Xango’. Vier Jahre später folgt ‘Petersilie’, wiederum begleitet von Leonore Maus Fotoband. Nach dieser vierteiligen textlichen und bildlichen Recherche über die Welt des Synkretismus in Südamerika publiziert Fichte eine von ihm selbst als Abschluß dieses Teils seiner Arbeit bezeichnete ‘Kleine Einführung in die Afroamerikanische Kultur’, deren Titel selbst ein synkretistisches Paar ist. Doppel aus Heiligem und Profanem: ‘Lazarus und die Waschmaschine’. Dabei ist noch eine weitere Tiefendimension der Titelzeile angelegt, weil der Göttername auf zweierlei verweist: Auf die Religion der einstigen Sklavenhalter, also den Katholizismus, und auf die Adaption in den Mischreligionen der ehemaligen Sklaven.…”

… Im Mittelpunkt der Länderberichte steht die Verbindung der religiösen Verhältnisse mit sozialen und politischen Gegebenheiten. Es gibt unterschiedliche Schwerpunkte in den einzelnen Reportagen, zusammen aber formen sie ein Bild, das Auskunft gibt über Fichtes erkenntnisleitende Interessen. In Bahia geht es um den Rassismus gegen Schwarze, um eine Hungerkatastrophe und eine Überschwemmung, schließlich um Polizeiterror. In Haiti um die elende Armut der Bevölkerung, die mit verschiedensten Informationen in unterschiedlichen Textformen umreissen wird. In Trinidad verfolgt Fichte aufmerksam den Prozeß gegen einen Kindesmörder und die massive Kampagne gegen Homosexualität. Nach Santo Domingo kommt der Autor, um über die Wahlen zu berichten und den Einfluß der USA auf diese Bananenrepublik kennenzulernen. In Venezuela entwirft er das Schafte Porträt des unüberbrückbaren Kontrastes zwischen dem Konsumismus des einen Teils der Bevölkerung und der Armut des anderen Teils. In Miami stehen die gesellschaftlichen Riten einer morbiden Zivilisationskultur im Vordergrund, und wieder geht es um eine Hetzkampagne gegen Homosexuelle. Auf Grenada letztlich geht Fichte der Frage nach, inwieweit Maurice Bishops sozialistische Revolution Toleranz aufbringt für die synkretistischen Religionen der Insel…”
aus: Torsten Teichert: Wo ist der Reisende? Anmerkungen gegen das ethnopoetische Mißverständnis, in: “Herzschlag aussen”, Die poetische Konstruktion des Fremden und des Eigenen im Werk von Hubert Ficht von Torsten Teichert (Fischer Verlag 1987)

Die Tradition, in der Fichtes ‘Xango’ steht, ohne daß sie von ihm ausdrücklich reflektiert würde, ist die Ahnenreihe, die in der letzten Generation die Namen Claude Levi-Strauss und Michel Leiris vorweist. Das Programm: Ethnographie und Poesie nicht nur zu verbinden, sondern beide Produktionen aus einem Kopf und einem Körper entstehen zu lassen, beide Formen menschlicher Kreativität situativ neu zu entwickeln - von den Anfängen an bzw. den Situationen und Sensationen aus, soweit man sie zu fassen bekommt. Dieses Programm setzt gegen das Spezialistentum ab und versucht interdisziplinäres Denken hinter sich zu lassen, denn es zielt nicht auf Wissenschaft und Theoriebildung, sondern auf Bewusstseins-, Erfahrungs- und Erkenntnisprozesse. Der Vorgang des Erfassens von Fremdphänomenen ist dabei ebenso wichtig wie das Resultat. Der Vorgang der Selbstbeobachtung ist für dieses Erfassen konstitutiv. …

Dieses Vorhaben, sich im Fremden und das Fremde in sich aufzuklären, das Fremde im Bild oder in der Schrift versuchsweise ganzheitlich, komplex und heterogen zu organisieren, sich in dieser Organisation zu Teilen zu verwirklichen und sich wieder zurückzunehmen, ist von George Devereux mit dem Titel ‘Angst und Methode’, von Leiris und Delange mit ‘ethno-esthetique’ belegt worden; Levi-Strauss beschrieb den Reisenden als ‘Archäologen des Raumes, der mit Hilfe von Bruchstücken vergeblich versucht, das Exotische zu rekonstruieren’, in Traurige Tropen’ versuchte er ethnographische Modellbildung und Erfahrungsstruktur ursprünglich aufeinander zu beziehen; Hubert Fichtes Text schließlich wurde von Heissenbüttel als ‘poetische Anthropologie’ bezeichnet, wobei Fichtes Verständnis von einer Wissenschaft vom Menschen tatsächlich auf den Menschen konzentriert ist und dabei von der ethnographischen und sozio-graphischen Beschreibung ausgeht…”

aus: Hans-Jürgen Heinrichs: Die authentische Beschreibung der fremden Kultur; in: Hubert Fichte. Materialien zu Leben und Werk, hrsg. von Thomas Beckermann (Fischer Verlag 1985)