Fotoausstellung

30. April - 13. Juni 1991 Universitätsbibliothek Freiburg

Françoise Huguier - Sur les traces de l’Afrique Fantöme

ein Buch / eine Foto-Ausstellung / ein Film Michel Leiris

Während 21 Monaten zwischen 1931 und 1933 hat Michel Leiris, der bis dahin nur als junger Dichter hervorgetreten war, während der von Marcel Griaule geleiteten Dakar-Djibouti-Expedition quer durch Afrika ein Tagebuch geführt, das die Fachwelt aufschreckte und verärgerte: L’Afrique Fantöme. De Dakar ä Djibouti 1931 -1933 (1934 bei Gallimard erschienen, 1980 im Syndikat-Verlag als zweibändiges Werk unter dem Titel ‘Phantom Afrika. Tagebuch einer Expedition von Dakar nach Djibouti 1931 -1933 erschienen, herausgegeben von Hans-Jürgen Heinrichs).

Im Sinne der akademischen Wissenschaft ist es ein skandalöses Buch: in den Teilen, in denen es vom Alltäglichsten, von den Begrenzungen, den Schwächen, dem Versagen handelt. Es war und ist ein einzigartiges inoffizielles Dokument des Reisens, der Ethnologie und der Wissenschaft überhaupt. Es umschreibt einen Traum und den Stoff, aus dem er gemacht wird.

Knapp 60 Jahre danach unternimmt die Fotografin Franpoise Huguier eine Reise, die sich eng an die Route von Leiris anlehnt.

Françoise Huguier, in Frankreich geboren, verbringt große Teile ihrer Kindheit in Viet-Nam. Als Fotografin beginnt sie 1976 zu arbeiten: zuerst für das BPI am ‘Centre Georges Pompidou’, seit 1983 für die Zeitung ‘Liberation’ und für die ‘Cahiers du Cinema’, seit Gründung der ‘Agence VIT 1986 ist sie dort Mitglied. Sie unternimmt verschiedene Reisen - nach Indien, nach Afrika - von denen sie mit ausgedehnten Reportagen zurückkommt. Neben vielen Ausstellungen stellt sie erstmals 1987 in Arles eine Retrospektive ihres Schaffens aus. Das Projekt, auf den Spuren Michel Leiris’ durch Afrika zu folgen und zu fotografieren, wird 1990 in die Tat umgesetzt.

Ein Interview:
Verstehen Sie Ihre Reise auf den Spuren Michel Leiris’, der auf seiner Reise in den 30er Jahren ‘L’Afrique Fantome schrieb, als eine literarische Reise?

Das ist viel komplexer. Auf meiner ersten Konfrontation mit diesem Kontinent, um es genau zu sagen in Mali, hat mich Afrika entdeckt. Ich war es bis dahin gewöhnt, in Asien zu arbeiten, wo die Bildeinstellungen auf einen sehr geordneten Raum stießen. In Afrika ist alles ungeordnet, erstaunlich und für Überraschungen gut, eine Ansammlung von gleichzeitig Irreführendem und Erfinderischem. Während meiner ersten Reise war ich unfähig zu fotografieren.

Warum?

Meine fotografischen Reflexe in Bezug auf diesen neuen Raum funktionierten nicht mehr und ich mußte nach neuen Lösungen suchen. Ich mußte mir eine neue Grammatik erfinden, um auf diese Überraschungen reagieren zu können.
In Paris zurück, wußte ich bereits, daß ich wieder zurück wollte in jenes Afrika, das mich schon faszinierte. Ich wollte versuchen zu verstehen, was diesen Kontinent ausmacht und warum er mich so anzog. Ich fing an, Bücher zu lesen, darunter auch ‘L’Afrique Fantöme’ von Michel Leiris.

Das Buch von Leiris entstand ja aus den Tagebüchern, die er während einer ethnologischen Mission von Griaule schrieb. Was hat Sie daran inspiriert?

Zuerst war es die Art eines Tagebuches, die meiner Art, auf Reisen zu fotografieren am ehesten entspricht. Hinzu kommt, daß Leiris eine Art zu schreiben hat, die großartig ist, faszinierend in seiner Ungenauigkeit wie in seiner Präzision, manchmal fast wissenschaftlich und in seiner Bewunderung für bestimmte Einzelheiten sehr persönlich, sehr verschlossen und sehr politisch… Das war eine Reise zu tausend exotischen Orten und das Buch wurde für mich eine Art Leitfaden.

Sind Sie der Reiseroute Leiris’ genau gefolgt?

Nein, das ist aus politischen Gründen heute nicht möglich; die Guerilla und verschiedene Verbote in einigen Ländern machen es unmöglich, die Reise von Griaule und Leiris so zu wiederholen. Es gibt also in unserer Reise einige Sprünge, aber insgesamt blieben wir der alten Route treu.

Ist die Konfrontation mit der Reise von Leiris 60 Jahre später ein Vergleich?

Ja, insgesamt schon; wir haben noch Personen getroffen, die sich an die Mission von Griaule erinnerten, wir haben die Nachkommen von Herrschern gefunden, die Leiris damals empfingen. Vor allem aber ist unsere Reise eine Reise ins heutige Afrika gewesen. Ich versuchte, ebenso ehrlich und aufmerksam unbekannten Menschen gegenüber zu sein, wie es Leiris in seinen Tagebüchern beschreibt. Ich wollte den Menschen eine natürliche Neugierde ebenso entgegenbringen, wie meinen Respekt, ohne gefällig oder verachtend zu wirken.

Wenn Sie heute Bilanz ziehen: Unterscheidet sich das heutige Afrika so wesentlich von jenem Afrika, wie Leiris es erlebt hatte?

Natürlich gibt es große Unterschiede. Es wurde viel gebaut, der Lebensstil hat sich enorm geändert. Einiges ist charakteristisch für einen Neo-Kolonialismus aber auch einer profitsüchtigen Verachtung alter Strukturen. Unterschiedlich auch, weil die Information und die Desinformation - zunimmt; unterschiedlich auch weil der Tourismus sich auf die Folklore stürzt und den Sinn von Tänzen ad absurdum führt und so etwas wie ein kulturelles Gedächtnis zum Verschwinden bringt. Trotz allem finden wir noch Orte und Menschen, soziale Bindungen, Strukturen von Macht und Kasten, die sich nicht geändert haben. Ich habe ein bißchen die Empfindung, daß alles in Gefahr ist und nichts richtig dabei verloren geht. (Auszüge aus einem Gespräch, das Nicephore Delaguerre mit Françoise Huguier führte; in: Cliche Nr. 64, Brüssel 1990)

Die Fotoausstellung wird ausgerichtet vom Völkerkundemuseum in Zusammenarbeit mit dem Institut Français Freiburg und dem Filmforum: Ethnolgie + Dritte Welt.