In Gottes Haus sind noch Zimmer frei -
Die Kathedrale in Managua

Fotografien von Saied Sharifi

1972 zerstörte ein Erdbeben die Stadt Managua, viele starben und noch mehr wurden obdachlos. Auch die Kathedrale von Managua überstand das Erdbeben nur als Ruine. Es gab keine Gottesdienste mehr. Doch in den folgenden Jahren wurde die Kathedrale zu einem Treffpunkt ganz besonderer Art. Ich möchte von einem Ort erzählen, der so, wie ich ihn erlebt habe, nicht mehr existiert. Während meinem zweiten Besuch in Nikaragua veranstaltete ich für einige junge Redakteure einer Zeitschrift einen Fotokurs. Wir machten einen Ausflug zur Motivsuche in die Stadt und so kamen wir in die Kathedrale von Managua. Es war Mittagszeit als wir die Ruine der Kathedrale betraten. Wir standen mitten drin und waren von der starken Sonne geblendet. Es war niemand zu sehen, jedenfalls in diesen Moment sahen wir niemanden, und doch wir fühlten wir uns von überall beobachtet – ein seltsames Gefühl. Einige Zeit später kamen nach und nach von allen Seiten her Gesichter, vor allem junge Männer aus den dunklen Schatten, zum Vorschein. Überall standen sie da und beobachteten uns. Ich glaube, das war der Moment, in dem mein Projekt geboren wurde.

Später erfuhr ich, dass dieser Ort ihr Treffpunkt war, hierher kamen vor allem Leute, die Schutz suchten vor der Gewalt der Straße, Obdachlose, Straßenkinder und homosexuelle Frauen und Männer. Ich kam in den nächsten Tagen und Wochen immer wieder in die Kathedrale. Ich saß in einer Ecke, zeichnete oder machte Fotos und so lernte ich nach und nach die »Kathedralenbewohner« kennen. Mich interessierte vor allem wie diese Räume durch ein Ereignis wie das Erdbeben ihre ursprüngliche Bedeutung verloren hatten und in dieser neuen Form den neuen Besuchern eine Möglichkeit bot, sich mit ihren Gefühlen wie Angst, Hoffnung, Einsamkeit und Wünschen auseinanderzusetzen. Leute die »draußen« für ihr Anderssein gejagt und gepeinigt wurden, fühlten sich hier zu Hause; sie träumten und konnten dem Alltag entkommen.

Als ich ein kleiner Junge war, dachte ich, dass kleine Vögel, nachdem sie aus dem Ei geschlüpft sind und fliegen gelernt haben, für immer ihr Nest verlassen und nie zurückkehren. Auf der Suche nach meinem Lebensweg verließ ich mein Nest und kehrte nie wieder zurück. Ich ging in die Welt, ich machte mich auf die Suche nach meinem Lebensweg und so traf ich Menschen und Orte, die mir meinen Weg wiesen, jedes Mal ein Stück. Als ich nach vielen Jahren doch zu meinem Nest zurückkehrte, fand ich nur meine Kindheit dort; so musste ich mich wieder auf den Weg machen, so bin ich auf der Suche – Suchen und Träumen.

 
Saied Sharifi, 1985 Studium der Lateinamerikanistik, an der FU Berlin, ab 1990 Studium an der Hochschule der Künste Berlin mit Schwerpunkt Fotografie und Dokumentarfilm bei Professor Heinz Emigholz. 1991 Fotoprojekte und Lehrtätigkeit in Nicaragua. Seit 1993 mehrere Dokumentar- und experimentelle kurze Filme (»Die Dauer eines Gedanken-Dragor« in Berlin, »Eine Königin, Spuren einer Begegnung« in Nicaragua). Seit 1991 Arbeit als freier Fotograf, Realisation mehrere Einzel- und Gemeinschaftsfotoausstellungen in Costa Rica, Kuba, Nikaragua so wie in Deutschland. 1996 Nachwuchsförderungsstipendium der HdK Berlin, seit 1998 Autor verschiedener Texte in der Presse, von Hörspielen im Radio und von Drehbüchern. »Managua oder die Nacht der Zwölfjährigen« (Drehbuch 1999) »Managua oder die Nacht der Zwölfjährigen« (1999, Hörspiel SFB). Drehbuch »Fremdes Tagebuch« (2000)