TESHUINADA - SEMANA SANTA TARAHUMARA

Die Rarámuri oder Tarahumaras leben in den Bergen im Südwesten bzw. Norden der Bundesstaaten Chihuahua und Durango. Sie stellen mit ungefähr 30.000 Menschen die größte Gruppe innerhalb der indigenen Bevölkerung Mexikos dar. Die Rarámuri leben vom Ackerbau, der Weidewirtschaft, der Jagd und dem Sammeln. Ihre Lebensweise ist geprägt vom periodisch wiederkehrenden Wechsel des Aufenthaltsortes. Im Winter ziehen sie sich in Häuser und in tief in die Hänge eingeschnittene Höhlen zurück. Auf diese Weise verändern sich die sozialen Zusammenhänge je nach der Jahreszeit. Zu Beginn des Frühlings kehren die Familien in die Höhen der Sierra zurück. Dieses Ereignis wird mit den Teshuinadas gefeiert, eine Verbindung religiöser Elemente mit solchen der sozialen Organisation zu Beginn des Agrarzyklus. Der Film wurde während der Osterwoche 1979 in Munérachi, Gemeinde Batopilas, in Chihuahua gedreht. (Text des Filmvorspanns)

»Es war nicht einfach, meinen eigenen Stil zu entwickeln. Ich war zunächst versucht, konventionelle Dokumentarfilme mit einer Erzählstimme zu drehen, bis ich zu einer Form ohne begleitenden Kommentar fand. Es ist wichtiger, eine Erfahrung erleben zu lassen, als sie zu erzählen. In allen meinen Dokumentarfilmen ist es mir wichtig, die Dinge für sich selbst sprechen zu lassen, sogar in den Textpassagen. Guillermo Sheridan war eine große Stütze in vielen meiner Filme. In TESHUINADA schuf er einen sehr schönen Text. Aber es gibt auch Momente ohne Erzählstimme. Die schönste Szene ist meiner Meinung nach die eines sehr häuslichen Rituals, vor der Zeremonie, die den bösen Geistern gewidmet ist, damit diese verschwinden und nicht während der Teshuinada stören. Ich beziehe mich auf die Szene, in der ein Schamane an einem Tisch sitzt, geschmückt mit den Innereien eines Ziegenbocks. » (N. Echevarría)

Nicolás Echevarría, geb. 1947 in Tepic Nayarit, Mexiko, 1969 Musikstudium am Konservatorium und in der Kompositionswerkstatt von Carlos Chavez. 1970 zusammen mit Mario Lavista Gründung der Improvisations-gruppe »Quanta«, die versucht, die Möglichkeiten der Elektro-Akustik und der praktischen Interpretation auszuprobieren. 1972 Filmerfahrungen im »Millenium Film Workshop« in New York. Seit 1974 dreht Echevarría Dokumentarfilme, in denen es um religiöse, künstlerische und kulturelle Ausdrucksformen des indigenen Mexikos geht. Mit Cabeza de Vaca (Berlinale 1991) realisierte er seinen ersten Spiefilm. Filme: Judea (1974); Los conventos franciscanos en el antiguo señorío Teochichimeca (1976); Hikuri Tame (1977); Flor y Canto (1978); Maria Sabina (1979); TESHUINADA (1979); POETAS CAMPESINOS (1980); NIÑO FIDENCIO, EL TAUMATURGO DE ESPINAZO (1981); Cabeza de Vaca (1991); La Pasión de Iztapalapa (1995); La Cristiada-Testimonìos de una epopeya (1996).

POETAS CAMPESINOS

Dieser Dokumentarfilm wurde in San Felipe Otlaltepec, im Gebiet der Mixteken im Süden des Bundesstaates Puebla gedreht. Es geht um die höchst interessante künstlerische Tradition dieser Menschen. Sie sind Bauern und gehören zur indigenen Gruppe der Papoloca, die ihren eigenen Dialekt bis heute bewahrt haben. (Text des Filmvorspanns)

»1974 war ich an einem sehr schönen Projekt der Kinemathek beteiligt. Drei Lastwagen wurden mit Leinwänden und 16mm-Projektoren ausgestattet, von denen einer von mir betreut wurde. Es ging darum, Klassiker des mexikanischen Kinos in weit abgelegenen Orten zu zeigen, in denen die Leute noch niemals einen Film gesehen hatten. Es waren sehr gute Autos, mit denen wir überall hinkamen. Ich fuhr in die Region Puebla. In einer sehr trockenen und armen Gegend im Süden, im Dorf San Felipe Otlaltepec blieb ich über Mittag und schlief schließlich bis zum Abend. Ich lag in dem Wagen und auf einmal weckte mich in diesem Nichts eine Ouvertüre von Verdi: Die Macht des Schicksals. Ich dachte, ich träumte, das könne doch gar nicht sein. Ich tippte auf eine Schallplatte. Ich ging hinaus und sah eine Gruppe von Bauern, die vom Blatt spielten, an einem Ort, wo nicht einmal spanisch gesprochen wird. Ein Platz war mit Fackeln beleuchtet, auf dem sich Trapezkünstler bewegten und ein Clown Gedichte aufsagte.

Diese Erfahrung hat mich so sehr beeindruckt, daß ich seit dieser Zeit versuchte, alle möglichen Leute zu überzeugen, daß man mit diesen Persönlichkeiten einen Film drehen müßte. Fünf Jahre später kam ich schließlich mit einem Auftrag des ‘Centro de Cortometraje« zurück. Ich mußte zu meinem großen Bedauern feststellen, daß nur noch die Musikgruppe existierte. Der Zirkus hatte sich aufgelöst. Die Leute kamen nicht aus demselben Dorf. Ich suchte einen nach dem anderen, in sämtlichen Dörfern der Umgebung. Ich kannte keinen Namen und konnte nur immer auf die Beschreibung zurückgreifen: Der Clown mit seinem Heft, die kleinen Seiltänzerinnen, der Zwerg als Teufel verkleidet. Ein großes Problem war, daß keiner mehr etwas mit dem anderen zu tun haben wollte, sie waren total zerstritten: »Mit dem arbeite ich nicht, dieser Clown ist ein A…« Ich filmte sie also getrennt und setzte dann im Film einen Zirkus zusammen, der so nicht mehr existierte. Der Clown akzeptierte zwar, mit der Musikgruppe zu arbeiten, aber nicht mit der Trapezgruppe La Marona. Don Narciso, der Dichter, ist eine der unglaublichsten Persönlichkeiten, die ich kennengelernt habe. Ich bedauere es heute sehr, daß ich sein Gedichtheft nicht angenommen habe, obwohl er es mir angeboten hat. Es tat mir so leid für ihn und so sagte ich: »Das müssen Sie doch behalten«; sicher ist es inzwischen verloren gegangen. Es waren Seiten über Seiten mit Sätzen und Reden von ihm und anderen Clowns. La Maroma geht auf die Tradition der Wanderzirkusse aus der Mitte des letzten Jahrhunderts zurück, die von Almosen lebten. Dies ist eine weitere Sache, deren Ende ich erlebte. Es hat einen ganz speziellen Reiz, dieses Gerüst der La Maroma zu sehen. Der Film gehört neben Niño Fidencio zu meinen besten Arbeiten.« (N. Echevarría)

EL NIÑO FIDENCIO, TAUMA-TURGO DE ESPINAZO

José Fidencio de Jesús Sintora Constantino (1898-1938) widmete einen großen Teil seines Lebens den Kranken, die über viele Jahre hinweg in der Hoffnung auf Linderung ihrer Leiden zu Tausenden zu ihm kamen. Von 1921 bis zu seinem Tod 1938 wirkte er als Wunderheiler in der kleinen Ortschaft Espinazo im Bundesstaat Nueva León, einer wüstenartigen Region im Norden Mexikos. Er arbeitete mit unterschiedlichen und sehr unorthodoxen Heilmethoden. So führte er chirurgische Eingriffe mit einer Glasscherbe als Messer durch, behandelte geistig Behinderte mit Wasserkuren und benutzte die Schaukel bei der Therapie von Lähmungen und Stummheit. Ihm wurden paranormale, telepathische und seherische Fähigkeiten zugesprochen.

Der Dokumentarfilm wurde im Oktober 1980 und März 1981 bei den Feierlichkeiten aus Anlaß seines Geburts- und Todestages gedreht. Jahr für Jahr strömen seinen Anhänger aus ganz Mexiko und den USA nach Espinazo. Sie kommen auf Knien oder schieben sich auf dem Rücken zu den Stätten, an denen Fidencio lebte, litt und Wunder wirkte. Ihrer Überzeugung nach heilt der Geist Niño Fidencios auch heute noch und zwar durch Frauen und Männer, sogenannte cajitas und cajones, in deren Körper er fährt. Geführt und geleitet vom Geist des Niño, baden diese Vermittlerpersonen in Trance die Kranken in dem heiligen Becken, in dem Niño Fidencio früher die Geisteskranken behandelte. Der Film beobachtet die rituellen Heilungen, läßt Menschen zu Wort kommen, die Niño Fidencio noch erlebt haben und zeigt ihn selbst in Archivaufnahmen.