SCHAMANEN IM BLINDEN LAND

Der Film ist eine epische Dokumentation zur schamanischen Praxis in einem Dorf des nordwestlichen Himalaya. Dort, im Schatten des DhaulagiriMassivs, leben die Nördlichen Magar. Verkehrsmäßig und durch eine von Nachbarvölkern nicht verstandene Sprache von der Umwelt weitgehend abgeschnitten, haben diese Bergbewohner eine kulturelle Tradition entwickelt und aufrechterhalten, die sich durch ein hohes Maß an Eigenheiten auszeichnet. Eine dieser Eigenheiten ist die lokale Praxis des Heilens. Der Film versucht, diese Praxis in ihren charakteristischen Zügen festzuhalten: Wie sehen die nächtlichen Seancen aus; auf welchen weltanschaulichen Vorstellungen bauen sie auf; wie wird man Schamane und unter welchen Bedingungen; in welchen Bahnen läuft eine Initiation ab; wie werden die benötigten Ritualgegenstände hergestellt; welche zeremonialen Tänze und welche mythischen Gesänge muss ein angehender Heiler erlernen? Der Film verknüpft die verschiedenen Fragen und Themen zu einem Gesamtportrait einer örtlichen Gesellschaft zu einem Zeitpunkt vor dem Zugriff der digitalen Einheitskultur.

SCHAMANEN IM BLINDEN LAND erreichte in weiten, insbesondere auch kunstinteressierten Kreisen Kultstatus, wurde weltweit an bedeutenden Filmfestivals aufgeführt und gehört mittlerweile zu den Klassikern des ethnografischen Films.

MICHAEL OPPITZ
1980 hat Michael Oppitz den vierstündigen Dokumentarfilm SCHAMANEN IM BLINDEN LAND geschaffen, ein Werk, das die Ergebnisse einer intensiven ethnologischen Feldforschung, die Reflexion über das kulturell Unfassbare und Unglaubliche und die Kunst der Dokumentation zusammenführte, noch bevor die Ethnologie die Repräsentationsdebatte führte. Weltweit erfuhr dieses vom WDR finanziertes Projekt Beachtung und Anerkennung und wurde anlässlich der Filmreihe „Die Fremden Sehen“ im Münchner Filmmuseum als „zweifellos der bedeutendste deutsche ethnologische Film überhaupt“ betitelt. Begleitend zum Film veröffentlichte er das gleichnamige „Bilderbuch“ mit Schwarz-Weiß-Fotografien der Magar im westlichen Himalaya. Oppitz hat umfassend zu Schamanismus, zur Verwandtschaftsethnologie, zum Strukturalismus und zur Visuellen Anthropologie publiziert. „Die Kunst der Genauigkeit“ ist Titel einer seiner Publikationen und Programm seiner minuziösen Feldforschungen. Der Blick des Ethnografen muss gerichtet und geschärft sein, doch zugleich das reflexive Moment über sein eigenes Schaffen einbeziehen. In seinem Werk hat Oppitz das Filmische, Bildliche und das Textliche zusammengeführt und uns einen neuen Blick auf die Welt der Schamanen eröffnet. Viele Jahre verbrachte er feldforschend im Himalaya, schreibend in allen Erdteilen und wurde 1993 als Direktor der Völkerkundemuseum und Ordinarius in Zurück berufen. Die einleitenden Worte der letzten Ausstellung vor seiner Emeritierung drücken die Haltung eines ethnografischen Dokumentaristen aus, der eine scheinbar statische Welt im Wandel erlebt hat:

Die Tätigkeit des Ethnologen ist gleichmäßig grundiert: Es ist die Farbe der Melancholie. Jede Gegenwart, in die er sich als Forschender begibt, trägt bereits die Zeichen des Niedergangs – der Vergangenheit, die als schöne Ruine ihren Schatten auf die Verhältnisse wirft, die er vorfindet; und der von ihm beschriebenen Gegenwart, die ihrerseits der noch unbekannten Zukunft als eine zerbröckelnde Vergangenheit entgegentreten wird.“ Oppitz 2008

RITUELLE REISE DER SCHAMANEN

Am Beispiel einer lokalen schamanischen Tradition des Himalaya, jener der Nördlichen Magar in der Nähe des Dhaulagiri-Massivs, zeigt der Film, welche Landschaften in den nächtlichen Ritualgesängen der lokalen Heiler abgerufen werden. Es handelt sich dabei ausschließlich um reale geographische Orte, die der Sänger von den jährlichen Treks mit den Schafen oder von den gewöhnlichen Handelsrouten her kennt. Die besungenen oder aufgezählten topographischen Namen sind zugleich Orte möglicher transzendenter Begegnung: mit den Geistern, die dem Patienten des Heilers eine Seele geraubt und ihn so ins Unheil gestürzt haben. Aufgabe des Heilers ist es, an jedem der abgerufenen Orte nach der entfleuchten Seele zu suchen und ihrer vor dem Erreichen einer markanten Grenze habhaft zu werden: dem Jenseitspass. Dies ist eine Art der rituellen Reise. Bei einer zweiten wird eine Ursprungsgeschichte in Szene gesetzt, in deren Verlauf zwei mythische Protagonisten, ein verwaistes Mädchen und ein Wildschwein, eine Reise in die Unterwelt unternehmen, um dorthin abgestürzte Menschenseelen zu befreien und in die irdische Welt zurückzuführen. Auch in diesem Falle führt die Reise durch vertraute geographische Landstriche; selbst das Reiseziel, die Unterwelt, wird mit einer realen Landschaft gleichgesetzt: dem Tiefland an der indischen Grenze. Der Film kombiniert Luftbilder dieser Landschaften, aus einem Helikopter gedreht, mit den nächtlichen Gesängen des Schamanen im Hause seines Patienten.

Im Anschluss an den Film::
WERKSTATTGESPRÄCH
Michael Oppitz und Frank Heidemann, Institut für Ethnologie der Universität München
Das Werkstattgespräch mit Michael Oppitz wird am Beispiel seiner Schamanenfilme zentrale Fragen der ethnologischen Dokumentation thematisieren. In welchem Verhältnis stehen Dokumentation und Interpretation zueinander und wie wirkt sich dieses auf die filmische Praxis aus? Wie kann durch „Die Kunst der Genauigkeit“ – so ein Buchtitel von Oppitz – der Gefahr einer Stereotypenbildung, der kulturellen Festschreibung und des Essentialismus entgegengewirkt werden. Wie verhalten sich Wort und Handlung im nichtfilmischen Kontext und im Medium Film zueinander? Wo liegen die Grenzen des Erfahrbaren und des Dokumentierbaren?