Mokarrameh, Erinnerungen und Träume

Mokarrameh, eine alte Frau, besitzt eine Kuh, zu der sie eine tiefe Zuneigung gefasst hat. Um sie zu füttern, muss sie weite Wege gehen, und es ist sehr anstrengend für sie, frisches Gras zu holen. Eines Tages verkaufen Mokarrahmehs Kinder die Kuh, ohne der alten Frau etwas davon zu sagen. Ein großer Kummer überfällt sie. Sie beginnt zu malen, um den Schmerz zu überwinden. Sie bemalt die Wände ihres Hauses ebenso wie Kürbisse. Heute besucht sie einer ihrer Söhne, der in Teheran lebt. Er kommt einmal pro Monat und bringt ihr Papier und Farbe mit. Die alte Frau malt unaufhörlich. Der Film zeigt, wie Mokarramehs Vorstellungskraft mit der Realität verquickt ist. Die Malereien der alten Frau erzählen die Geschichte ihres eigenen Lebens und die der anderen Ehefrauen ihres Mannes sowie über die Frauen aus ihrem Dorf und deren Arbeit.
(Ebrahim Mokhtari)

Man muss nicht die alte Binsenweisheit bemühen, dass das Leben selbst die unglaublichsten Geschichten schreibt, um diesen Film faszinierend zu finden. Ebrahim Mokhtari, einer der verdientesten der schier unerschöpflichen Reihe iranischer Dokumentarfilmer, die in den letzten Jahren international aufgetreten sind, fängt mit Subtilität und Verständnis die bizarr schöne Welt der alten Bäuerin ein, die buchstäblich umgeben ist von dem von ihr geschaffenen künstlerischen Universum. Die Geschichten und Legenden der Region, aber auch ihre ganz persönlichen Erfahrungen und die anderer Frauen sind hier verewigt. Es ergibt sich eine schöne Parallele zwischen der Arbeit des Dokumentaristen, der mit der Kamera aufzeichnet, und Mokarrameh, die die Realität um sie herum in bunten Bildern festhält.
(Richard Jennings)

Sinat, ein besonderer Tag

1999 wurden im Zuge der Dezentralisierung unter Präsident Khatami die ersten Stadt- und Gemeinderatswahlen im Iran seit zwanzig Jahren durchgeführt. Unter den 330.000 Kandidaten waren 5.000 Frauen. Eine von ihnen ist die Krankenschwester Zinat, in deren Dorf auf der Insel Qeshm im Süden des Iran verheiratete Frauen eine Maske, die boregeh, tragen. Zinat, die mit dreizehn Jahren verheiratet wurde, führte schon bald ihren persönlichen Kampf gegen diese und weitere allgemein akzeptierte Vorschriften, die den Frauen die Macht über ihr eigenes Leben nehmen. Sie beschloss, die boregeh nicht zu tragen, wurde Krankenschwester und vollzog einen weiteren Akt des Widerstands, als sie sich für die Wahlen nominieren ließ.

In unprätentiösem Stil folgt das Filmteam Zinat durch den Wahltag: Da es verboten ist, an diesem Tag öffentlich zu filmen, positioniert Ebrahim Mokhtari seine Kamera in Zinats Haus, wo der Alltag trotz der besonderen Ereignisse weitergeht, und begleitet sie bei ihren Patientenbesuchen. Wir sehen, wie Zinat, die von ihrer Familie unterstützt wird, heftig mit einem alten Mann diskutiert, der es normal findet, wenn Frauen nach der Heirat zu »gezähmten Tieren« werden, die ihren Ehemännern dienen. Sie solle, so meint er, ihre Kandidatur an ihren Mann abtreten. Die Stärke der ruhigen jungen Frau, Mutter von drei Kindern, wird nicht nur in dieser Szene, sondern im Verlauf des gesamten Films deutlich. Am Ende des Wahltages scheint es, dass viele Bewohner des Dorfes ihr Potenzial anerkannt haben. Zinat gewinnt die Wahl und hat nunmehr die Möglichkeit, sich für die vielen sozialen Projekte zu engagieren, die ihr am Herzen liegen.

Miryam van Lier

Die Mieterschaft

Wohnungsprobleme in Teheran in den ersten Jahren nach der Revolution. Mokhtari zeigt die heftigen alltäglichen Konfrontationen zwischen Vermietern und Mietern, die die Miete nicht mehr bezahlen können. Frauen und Männer beschweren sich über die unhaltbaren sozialen Zustände und kritisieren das zu Schahzeiten geschaffene Mietrecht, das erst nach der Fernsehausstrahlung des Films und der folgenden politischen Diskussion geändert wurde. Der Film zeichnet sich durch Nähe zur sozialen Wirklichkeit aus, macht privates Elend öffentlich und durchbricht damit tradiertes soziales Verhalten, wonach über private Probleme geschwiegen wird.

(Robert Richter, Internat. Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, 1997)

Ebrahim Mokhtari, geb. 1947 in Babol. Nach dem Studium an der Film- und Fernsehhochschule in Teheran begann er zunächst als Regieassistent und ab 1975 als Dokumentarfilmer für das Iranische Fernsehen zu arbeiten. Filme u.a. : TUBA (1972); TSCHABOKSAWAR / DER JOCKEY (1975); NAANE BELUTSCHI / DAS BROT DES BELUTSCHEN (1980); PANAHGAHAYE SEYYADI / DIE FISCHERHÜTTE (1985); USTAD BAHARI (1993) / MAESTRO BAHARI; MOLLA KHADIJEH VA BACHEHAYASH / MOLLA KHADIJEH UND DIE KINDER (1997); MOKARRAMEH, KHATERAT VA ROYAHA / MOKKARAMEH, ERINNERUNGEN UND TRÄUME (1999); ZINAT, YEK RUZE BEKHOSUS / SINAT, EIN BESONDERER TAG (2000).