Cinematografia Demartiniana

Cinematografia Demartiniana 

Ethnografische Dokumentarfilme aus dem Italien der 1950/60er Jahre

Der Ethnologe Ernesto de Martino begann in den 50er Jahren, folkloristische Praktiken in Süditalien zu erforschen. Bahnbrechend für seine Zeit verwendete er zur Aufzeichnung von magischen Besessenheitsritualen, Totenklagen oder ekstatischer Heiligenverehrung sowohl Fotografien als auch Tonaufnahmen. Die von ihm initiierte „synchrone Fonofotografie“ gab den Anstoß für die Entstehung einer italienischen audiovisuellen Anthropologie. Heute wird seine Zusammenarbeit mit FotografInnen und FilmemacherInnen als Cinematografia Demartiniana bezeichnet.

In dieser produktiven interdisziplinären Zusammenarbeit wurden Film und Fotografie nicht konventionell als Medien der Authentifizierung, Klassifizierung und Konservierung ‘exotischer’ magischer Praktiken und Rituale eingesetzt, sondern es entstand eine ganz eigene, stark formalisierte und innovative Ästhetik, die teils von einem geradezu aggressiven Realismus geprägt war und teils von inszenatorischen oder auch performativen Elementen Gebrauch machte. Um „Körper und Riten in Aktion“ dokumentieren zu können, waren De Martino und seine Equipe auf filmische Rekonstruktionen angewiesen. De Martino betrachtete Inszenierungen und Re-enactments als unproblematisch und betonte an mehreren Stellen, dass rekonstruierte Aufführungen wissenschaftlich ebenso wertvoll seien wie ‘authentisches’ Datenmaterial. Er hatte verstanden, dass auch ‘authentische’ Rituale Aufführungen sind.

Vor allem die zahlreichen Dokumentarfilme von Cecilia Mangini und Luigi di Gianni schufen poetische Bilder einer von Entbehrung geprägten Kultur und Lebensweise, deren Kargheit und Tragik der Dekadenz von z.B. Fellini’s LA DOLCE VITA diametral entgegengesetzt war.

Zwischen 1958 und 1971 realisierte Luigi di Gianni über 50 Dokumentarfilme, in denen die Faszination für die Lebensrealität des Mezzogiorno spürbar wird. Indem er in Schwarzweiß dreht, Schatten und Kontraste sowie symbolistische Bildelemente als Stilmittel nutzt, verweist er — vom deutschen Expressionismus beeinflusst — in seinen Filmen auf tiefere Bedeutungsebenen und erzeugt starke Stimmungen. Durch die betont übertrieben gestische „Spielweise“ seiner ProtagonistInnen, den Einsatz von dramatischer Filmmusik, verkürztem, poetischem Kommentar und harten Schnitten vollzieht er eine zusätzliche Theatralisierung. Letztendlich widersetzt er sich einer bürgerlichen Ästhetik zugunsten einer „Ästhetik der Armut oder des Verschreckenden“, deren groteske Elemente und düstere Atmosphäre nicht selten an Horrorfilme oder an den Film noir erinnern.

Während Di Gianni an der Konstruktion einer ganz eigenen, holzschnittartigen Bildsprache interessiert ist, anhand derer er das Elende, Kranke und Transgressive zum Gegenstand der Darstellung macht und ästhetisch in Szene setzt, lotet Cecilia Mangini vielmehr das avantgardistische Potenzial des Mediums Film aus. Thematisch widmet sie sich mit großer Poesie und Intelligenz den „Verlierern“ des Wirtschaftswunders in Italien und gibt in ihrem Oeuvre denen eine Stimme, die marginalisiert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden; so beleuchtet sie z.B. erstmalig die Arbeitsbedingungen von FabrikarbeiterInnen kritisch oder zeigt, dass sich Frau-Sein, bzw. Arbeiterin-Sein in der Realität sehr viel anders darstellt, als es uns Werbeplakate glauben machen. Ihre Sichtweise auf die ökologischen und sozialen Katastrophen, die die ungebremste Industrialisierung in den 1950er Jahren mit sich brachte, ist heute wieder aktueller denn je.

Cecilia Mangini ist die erste Frau, die sich in Italien hinter die Kamera gestellt hat, um auf politische Missstände aufmerksam zu machen und auch die faschistische Vergangenheit des Landes aufzuarbeiten. Dies tut sie – teilweise auch in Zusammenarbeit mit Pier Paolo Pasolini oder ihrem Ehemann Lino del Fra – auf eine poetisch-eindringliche Weise und vermittels ihres prägnanten Montagestils, in dem sie rekonstruierte Szenen oder Archivmaterial geschickt mit dokumentarischen Szenen kombiniert.

Die in dieser Schwerpunktreihe gezeigten Filme sind einem humanistischen, poetischen Realismus verpflichtet, der sich nicht-realistischer filmischer Dokumentationstechniken bedient und wenig mit den etwa zeitgleich entstehenden Stilrichtungen des Direct Cinema oder Observational Cinema gemein hat. Filmgeschichtlich betrachtet ist die in den Nachkriegsjahren in Italien entstandene Cinematografia Demartiniana einzigartig. Trotzdem wurden diese Filme lange Zeit vernachlässigt oder übersehen, vor allem auch in der Fachgeschichte der audiovisuellen Anthropologie. Selten ist es aber EthnografInnen gelungen, die conditio humana so präzise wie unsentimental ins Bild zu setzen und religiös-theatralische Handlung mit Alltagshandlungen zu kombinieren. Es ist die Synthese aus dokumentarischem Realismus, inszenatorischen Elementen und kompromisslosem Ästhetizismus, die die italienischen Dokumentarfilme aus den 1950/1960er Jahren auszeichnet und über die Epoche und Region hinaus so bedeutend macht.

Michaela Schäuble

 

Wir danken für freundliche Unterstützung: Paolo Pisanelli (Cinema del Reale, Lecce), Ulrich van Leuen, Fabian Tietke, Cecilia Valenti, Serena Barela, Laika Verlag (Hamburg), Irene Pacini und Michaela Schäuble.

In Kooperation mit Consolato d’Italia Friburgo i.B. und Centro Culturale Italiano, Freiburg

Programm I: Rituale, Klage, Ekstase

Italien 1958-66 | Gesamtlänge: 81 Min. | OmeU, OmU
Do, 25.05.2017 15:15
Zu Gast: Cecilia Mangini, Luigi di Gianni, Prof. Dr. Michaela Schäuble
STENDALI Italien 1960 / 11 Min. / .mp4 (Archivio Cinema del Reale) / OmeU Regie: Cecilia Mangini; Musik: Egisto Macchi; Text: Pier Paolo Pasolini Die Rekonstruktion eines traditionellen Trauerrituals von […] mehr

Programm II:  Spiele, Träume und Migration

Italien 1958- 1967 | Gesamtlänge: 74 Min. | OmeU, OmU
Fr, 26.05.2017 13:30
Zu Gast: Cecilia Mangini, Luigi di Gianni, Prof. Dr. Michaela Schäuble
LA CANTA DELLE MARANE Italien 1962 / 11 Min. / Farbe / .mp4 (Archivio Cinema del Reale) / OmU Regie: Cecilia Mangini; Musik: Egisto Macchi; Text: Pier Paolo Pasolini In […] mehr