Installation: Erinnerungen der Dinge

2 Kanal Video-Installation
Eine Produktion des Museums der Kulturen, Basel

Museen stehen an einer Schnittstelle von öffentlicher und privater Erinnerungskultur. An Museumssammlungen werden nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse und kulturpolitische Interessen ausgehandelt, sie bergen auch zahlreiche persönliche Erinnerungen. Die Video-Installation ERINNERUNGEN DER DINGE zeigt eine Delegation von Vertretern brasilianischer Tuparí bei ihrem Besuch ethnologischer Sammlungen 2009 in Europa. Diesen Bildern der Begegnungen der Tuparí mit den Objekten und Dokumenten ihrer Vorfahren in europäischen Archivräumen werden Aufnahmen aus ihrem Dorf gegenübergestellt. Wie wird Kultur bewahrt? Was bedeuten uns Objekte? Wer sind ihre Repräsentanten?

Be’ Jam Be - the Never Ending Song

Das Leben der Penan, im Malaysischen Bundesstaat Sarawak auf Borneo, ist von der massiven Zerstörung des Regenwaldes bedroht. Wie können die ehemaligen Nomaden ihr Weiterleben gestalten, wenn ihr Lebensraum, und damit ihre Lebensgrundlage, zunehmend vernichtet wird? Getragen von Sprechgesängen des Widerstandes erzählt der Film von dem Konflikt zwischen traditioneller Lebensweise und dem Kampf gegen die Planierraupen.

In the Devil’s Garden

Der Film führt uns zu einem provisorischen Tiermarkt am Rande Algeriens. Wie im Schwebezustand nehmen wir an der Fütterung, dem Warten und der Hitze teil, inmitten von Ziegen und Kamelen, den alten Begleitern der Kulturen des Maghreb. Die im Metallschrott gefangenen und gehandelten Tiere gehören geflüchteten Sahrauis der nicht allgemein anerkannten Demokratischen Arabischen Republik Sahara, die seit Jahrzehnten in Zeltstätten in der Wüste ausharren.
Der Film bietet einen poetischen Zugang zu einem weitgehend vergessenen Konflikt und der leeren Realität von Vertreibung, Ausgrenzung und Ausbeutung.

The River, My Friend

Der Fluss Lule fließt durch einen Teil Schwedens, der über tausende Jahre von der indigenen Minderheit der Sami bevölkert war. Die fünfzehn Staudämme, welche die industrielle Nutzung des Lule heute möglich machen, gehören dem staatseigenen Vattenfall-Konzern. Um sie bauen zu können, wurden viele Sami, die traditionell von Rentierjagd lebten, zwangsweise umgesiedelt. Die überlieferte Alltags- und Arbeitskultur der Sami ist damit mehr und mehr verschwunden. Was bleibt ist ihre tiefe emotionale Verbundenheit mit dem Wasser. „Jeden Tag fließt der Fluss durch mich hindurch“, erzählt die samische Bilderbuchautorin Eva-Stina Sandling, „und sucht nach Erinnerungen.“ Für diese Erinnerungen und die starke Verbundenheit mit dem Fluss Lule hat Regisseurin Hannah Ambühl wunderschöne Bilder gefunden. Gleichzeitig dokumentiert der Film die sich verändernden Traditionen und Leben der Frauen und erkundet deren Zugehörigkeitsgefühle als Sami.

Cracks in the Mask

Vor mehr als 100 Jahren waren die Bewohner*innen der Torres Strait Inseln nördlich von Australien das Ziel zahlreicher anthropologischer Forschungsreisen. In Folge dessen verschwanden zahlreiche kulturelle Objekte und hinterließen eine Leerstelle in der Geschichte der Pazifikbewohner*innen. Keine ihrer einzigartigen aus Schildkrötenpanzer gefertigten Masken verblieb an ihrem Platz, ihr gesamtes materielles kulturelle Erbe verschwand in fremden Museen.
Auf der Suche nach den Exponaten bereist Ephraim Bani - ein Wissensträger der Torres Strait Inselbewohner - mit seiner Frau die großen Museen Europas. Seine Frage, ob nicht einige der Objekte zurückgegeben werden könnten, löst überall grundsätzliche Debatten über die von Konkurrenz untereinander geprägte Museumskultur und die Komplexität internationaler Politik im Umgang mit indigenen Kulturen aus. Ephraim Bani’s Tagebuchaufzeichnungen enthalten hellsichtige Reflektionen über die Verwandlung der rituellen Artefakte seiner Vorfahren in pure Ausstellungsobjekte.

Gilda Brasileiro - Against Oblivion

Eigentlich ist Gilda Brasileiro eine Zugereiste in ihrem Dorf im atlantischen Regenwald. Umso empörender findet die Afrobrasilianerin, dass sich niemand für die Geschichte des Ortes interessiert, durch den im 19. Jahrhundert eine geheime Sklavenroute verlief. Es existiert sogar noch ein intaktes Sklavenhaus, welches als kleines Museum genutzt wird. In der Erzählung des Besitzers kommen die Sklaven allerdings nicht vor. Da sich kaum jemand erinnern mag, sucht Gilda nach Beweisen. Im Archiv von São Paulo stößt sie auf Belege, dass, 50 Jahre nach dem Ausstieg Brasiliens aus dem transatlantischen Sklavenhandel 1831, ein katholischer Pater einen Weg durch das Dickicht schlagen ließ und mit dem Verkauf illegaler Arbeitskräfte an die Kaffeeplantagenbesitzer gute Geschäfte machte. Da auch das niemand weiter aufregt, beginnt Gilda filmisch festzuhalten, was nicht in Vergessenheit geraten soll. Im Unterholz suchen sie und ihr Kameramann nach den Spuren der kriminellen Vergangenheit.

Angesteckt von der Hartnäckigkeit ihrer Protagonistin beginnen die zwei Regisseure ihre eigene Erinnerungsarbeit und stoßen auf historische Fotografien von Marc Ferrez, der einzigartige Dokumente von den brasilianischen Kaffeeplantagen im 19. Jahrhundert schuf.

Köhlernächte

In der Schweiz wird die traditionelle Köhlerei noch als Gewerbe betrieben. Jeden Sommer rauchen dort die Meiler. Fünf Wochen dauert die Prozedur. Das minutiöse Stapeln des Holzes, die Arbeit mit dem Feuer, das Stochern und Schaufeln, der Vorgang im Verborgenen, die alchimistisch anmutende Verwandlung von Holz zu Kohle – all dies strahlt bis heute etwas Magisches aus.
Der Filmemacher Robert Müller hat über die letzten fünf Jahre die Köhler im Entlebuch in der Innerschweiz besucht. Sein Film gewährt Einblick in eine harte, zugleich faszinierende Welt. Er besticht durch großartige Bilder und präzise Akustik, die sich der Sorgfalt im Arbeitsprozess angleichen. Vor allem ist er ein stimmiges Porträt der unterschiedlichen Akteure in diesem Handwerk. Es wird viel geschwiegen und dazwischen gelacht. Es wird getrunken, geraucht und geflucht.

Robert Müller: „Ich lernte eine Lebensform kennen, wo Familie, Beruf, der Glaube und die Welt immer noch eng miteinander verbunden sind: Das leidenschaftliche Arbeiten in der Natur, das Abenteuer, das körperlich wie geistig alles abverlangt.“

Beste Kamera, Schweizer Filmpreis 2018; Beste Regie, Innerschweizer Filmpreis 2019; Preis der Jury, Trento Film Festival 2018

African Mirror

Der Schweizer Filmemacher und Reiseschriftsteller René Gardi (1909-2000) erklärte uns über Jahrzehnte hinweg den afrikanischen Kontinent und seine Bewohner*innen. In Büchern, Fernsehsendungen und Filmen schwärmte er von den schönen nackten ‚Wilden‘ und der vormodernen Zeit, in der sie lebten. Die angeblich heile Welt wurde zu Gardis Paradies und Afrika zur Projektionsfläche für die Sehnsüchte der Zuhausegebliebenen.
Der Film AFRICAN MIRROR erzählt die Geschichte anhand Gardis erstmals öffentlich zugänglichen und umfangreichen Archivs, in dessen ambivalenten Bildern sich unser europäisches Selbstverständnis vielfach spiegelt. Der Film entlarvt das Bildermachen als eine Form des Kolonialismus und zeigt, wie wir uns bis heute einem Blick in diesen Spiegel verweigern.

DIE LETZTE BEUTE

Die indianische Ethnie der Secoya - 250 Menschen - lebt im Amazonasgebiet von Ecuador. Sie haben ihr eigenes Land und ihre zweisprachige Schule. Mit Hilfe ihres neuen Gottes, Jesus Christus, suchen sie die Gleichstellung zu anderen Ecuatorianern.

Die Secoyas blieben vom Christentum weitgehend unberührt, bis in den 50er Jahren die ‘Wycliff Bibelübersetzer’ anfingen, die Indianer-Ethnie zu missionieren. Doch das Begriff-System der Secoyas und des Christentums lassen sich nicht einfach verschmelzen. Die Missionare versuchen, den kulturellen Wandel zu steuern. Sie bilden Kerndörfer, sorgen für die Abschaffung ‘heidnischer’ Praktiken, sie führen neue Werte, neue Produktionstechniken und neue Anführer ein.

Der Film wurde mit den Secoyas zu einem Zeitpunkt gedreht, wo diese christliche Neuordnung anfängt, ihre ‘Früchte’ zu tragen: Der oberste Anführer der Secoyas, der junge Pastor Elias sagt, “Wir müssen so leben, wie die Siedler. Das ist unser Opfer.” Pastor Cesar, Kirchenführer in dorn ‘1983 gegründeten ‘Centro Siecoya’ sagt, “die Secoyas haben sich schlecht benommen, sie stritten und wurden sofort wütend, man konnte ihnen gar nichts sagen. Jetzt sind sie ruhiger geworden und gehorchen den Anführern.”

Praktisch alle Indianergruppen im Amazonasgebiet sind durch die Missionare mit der sogenannten Zivilisation konfrontiert worden. Sei es durch die harte Mission, wie die der ‘Wycliff Bibelübersetzer’ oder durch die sanfteren Varianten der Progressiven.

Die einzig sinnvolle Besiedlungs-Strategie tropischer Regenwälder ist das Nomadisieren. Das aber läßt sich mit einem ‘zivilisierten Leben’ nicht vereinbaren. Für die kurze Zeit, in der der tropische Boden fruchtbar ist, bleibt den Secoyas, in einem Umfeld von Agroindustrie und Bohrlöchern, ein entwürdigendes Leben als Kleinbauern. (Lisa Faessler)

NO WHITE PEOPLE CAN HELP US

A Pitjantjatjara Message. Ein ethno-linguistischer Kultur-Clip zum Thema des Übergangs von Kulturen mit oraler Tradition zur audio-visuellen Medien-Gesellschaft. Wenn sich der Zuschauer während der kurzen Dauer dieser fernsehgerechten Aussage eines Aborignals der Pitjantjatjara aus Zentralaustralien einige der folgenden Fragen stellt, hat der Clip seinen Zweck erfüllt: Was ist ein Pitjantjatjara? Welche Sprache spricht der Protagonist? An wen wendet sich der Protagonist? Soll der Zuschauer die Sprache / die Botschaft verstehen?

Ist dies ein Fernseh-Statement? Warum und für wen sagt er den Satz ’no white people can help us’ auf englisch? usw…

Das Material wurde vom Autor während einer Feldforschung aufgenommen, während der es ihm u.a. darum ging zu prüfen, ob sich die miniaturisierten Video-Camcorder für den Ethnologen eignen, audio-visuelle Feldnotizen festzuhalten - um so mehr als es sich hier um Völker mit einer oralen Tradition handelt, die ohne alphabetische Codifizierung von Information in das Medien-Zeitalter übergehen.