The River, My Friend

Der Fluss Lule fließt durch einen Teil Schwedens, der über tausende Jahre von der indigenen Minderheit der Sami bevölkert war. Die fünfzehn Staudämme, welche die industrielle Nutzung des Lule heute möglich machen, gehören dem staatseigenen Vattenfall-Konzern. Um sie bauen zu können, wurden viele Sami, die traditionell von Rentierjagd lebten, zwangsweise umgesiedelt. Die überlieferte Alltags- und Arbeitskultur der Sami ist damit mehr und mehr verschwunden. Was bleibt ist ihre tiefe emotionale Verbundenheit mit dem Wasser. „Jeden Tag fließt der Fluss durch mich hindurch“, erzählt die samische Bilderbuchautorin Eva-Stina Sandling, „und sucht nach Erinnerungen.“ Für diese Erinnerungen und die starke Verbundenheit mit dem Fluss Lule hat Regisseurin Hannah Ambühl wunderschöne Bilder gefunden. Gleichzeitig dokumentiert der Film die sich verändernden Traditionen und Leben der Frauen und erkundet deren Zugehörigkeitsgefühle als Sami.

INUGHUIT - The people at the Navel of the Earth

Thule, die nördlichste Ortschaft in Grönland, war bis 1937 Niemandsland. Vordem 18ten Jahrhundert, als die ersten Weißen Thule erreichten, bestand der einzige Kontakt zu anderem Menschen nur mit den Inuit der gegenüberliegenden kanadischen Küste. Nach und nach kamen die ersten “Gäste”: Walfangflotten aus England und Holland, Geologen, Kartographen, Anthropologen, Ethnologen, Abenteurer und Kolonialisten. Alle wurden sie bei ihren epochemachenden Entdeckungsreisen gastfreundlich von den Inuit von Thule aufgenommen und von ihnen auf den Expeditionen als Führer begleitet. 1953 war der Moment erreicht, an dem es für die Inuit von Thule zu spät war, ihre Gastfreundschaft noch einmal zu überdenken, denn die dänische und amerikanische Regierung hatten vereinbart, daß bei Thule eine amerikanische Militärbasis errichtet werden soll. Die Dorfbewohner wurden zu einem 180km entlegenen Ort umgesiedelt.

Dort erobern neue Fremde den Lebensraum der Inuit: Kanadische Öl- und Gasgesellschaften stören mit ihren Tankerflotten den hochsensiblen Lebensraum der Wale, von deren Jagd die nördlichen Inuit wirtschaftlich vollkommen abhängig sind. Sie selbst jagen die Wale in den wenigsten Fällen mit Motorbooten, sondern benutzen dazu die geräuscharmen Kajaks.

Die Ölgesellschaften fordern, daß Eisbrecher ihren Tankern den Weg freiräumen. Das bedeutet für die Inuit, daß sie sich auf den endlosen Eisflächen nicht mehr mit ihren Schlitten fortbewegen können und so keinen Zugang zu ihren entlegenen Jagdrevieren mehr haben. Internationale Tierschützer, die den Inuit den Mord an Robben und Walen vorwerfen, treten so in eine merkwürdige Allianz mit den Ölgesellschaften, die das zukünftige Überleben von Menschen der Arktik bedrohen.

Die Inuit sind Jäger - aber auch die wahren Kenner des arktischen Naturraums und seines ökologischen Gleichgewichts.

Inughuit” zeigt die Dorfbewohner Quanaaks in einer Übergangszeit. Schamanismus und Jesus, Action-Videos und traditionelles Geschichtenerzählen koexistieren nebeneinander. Die Inuit aus dem Thule-Distrikt wollen an den “Segnungen” der modernen Welt teilhaben aber nicht mit ihren Krankheiten und Schattenseiten konfrontiert sein. Sie ziehen es vor, die Probleme der westlichen Welt aus einer Distanz zu beobachten - mit einem gewissen Erstaunen und manchmal mit viel Gelächter.

THE OTHER SHORE

Vor 17 Jahren hat der Fotograf aus Schweden die Familie, als er eine Dokumentation über ihre Arbeit auf einer Mülldeponie in Lima recherchierte, kennengelernt. Sie wurden zu Freunden, und kurz vor seiner Rückkehr nach Europa nahm er das Angebot, die Patenschaft für ihre kleine Tochter zu übernehmen an.

In all den Jahren ist der Fotograf nie nach Peru zurückgekehrt und hat nur sporadisch geschrieben. Er entschließt sich, nach Peru zu reisen und sein Patenkind zu suchen.

Es ist ein ungewöhnliches Wiedersehen. Die Familie und seine Patentochter erwarten ihn als Verheißung einer besseren Welt, und obwohl immer noch ein freundschaftliches Verhältnis besteht, wird dieses bald einer Prüfung unterworfen. Es geht um die Intentionen des reichen Europäers: Inwieweit verbirgt sich hinter seinen wohlwollenden Absichten nicht doch gönnerhaftes Verhalten?

Die Liebenden von San Fernando

Zwanzig Jahre lang begleitete der Filmemacher Peter Torbiörnsson die Lebensgeschichte von Tinoco und Ninoska, zweier einfacher Menschen in Nicaragua, die sich zu einem Paar zusammengefunden haben. Die Probleme der nicaraguanischen Gesellschaft haben auch bei ihnen ihre Spuren hinterlassen. Zurück liegt die Revolution, der ökonomischen wie sozialen Umwälzungen. Das Werk zeichnet ein liebevolles und zugleich nuanciertes Porträt dieses Landes, in dem revolutionäre Vorstellungen in den Köpfen herumschwirren, ohne zu verhindern, dass man sich die Zukunft lediglich als «amerikanischen Traum» vorstellen kann.

Die außergewöhnlich lange Zeitspanne, die dieser Film umfasst, und seine meisterhafte Montage durch den Autor begründen die hohe Qualität des Werkes. Die beiden Hauptfiguren Tinoco, der aus dem nicaraguanischen Küstengebiet stammt, und Ninoska, die in den Bergen geboren wurde, bewegen sich so natürlich auf der Leinwand, dass sie die komplexe persönliche und nationale Realität ebenso überzeugend zu veranschaulichen scheinen, wie dies zwei fiktive Figuren tun könnten. Ihr eigenes Leben wird zu einer Darstellung von Charakteren, die Geschichte ihrer materiellen Prüfungen ist eine kleine Abhandlung über das Alltagsleben in Zeiten allgemeiner Unsicherheit und ihr Widerstand gegen Ungemach und Missgeschick wird zu einer Hymne auf den Lebensmut – und die Kraft der Liebe.

Peter Torbiörnsson arbeitete mehrere Jahre als freier Korrespondent für verschiedene Zeitungen, u.a. für Dagens Nyheter, Schwedens größte Tageszeitung, bevor er begann Filme zu drehen. Filme u.a.: AFTER CHE (1971); TWO YEARS AFTER, CHILE (1975); THE CHILDREN OF SANDINO (1980); TELEPHONE 515, NICARAGUA (1986); CHIMNEYLIFE, EAST GERMANY (1990); THE CHOCOLATE OF KING HASSAN (1991); TANGO LIMA, BOSNIA (1993); THE LAST VOYAGE, FROM UGANDA AND SWEDEN (1994); AFTER THE HUNT (1998).

COMPADRE

1974 – der schwedische Fotograf und Journalist Mikael Wiström reist durch Peru. Während er auf einer Müllhalde, auf der sich die Ärmsten mühsam durchzuschlagen versuchen, Fotos macht, fragt ihn ein junger Mann, dessen Körper von den Folgen einer Kinderlähmung gezeichnet ist, was er denn mit seiner teuren Kamera hier mache. Es ist der Beginn einer besonderen aber auch fragilen Freundschaft zwischen Daniel Barrientos und dem Fotografen aus Europa. 1991 – Wiström, inzwischen Filmemacher, kehrt zum ersten Mal nach Peru zurück. Daniel Barrientos, seine Frau und deren vier Kinder kommen immer noch kaum über die Runden. 2004 – fast dreißig Jahre, nachdem sich die beiden Männer das erste Mal trafen, reist Wiström wieder nach Peru, um COMPADRE zu drehen. Darin dokumentiert er nicht nur den Alltag von Daniel Barrientos’ Familie, vielmehr bezieht er die Zuschauer in den großen Konflikt ein, mit dem sich der reiche Filmemacher aus dem Westen konfrontiert sieht und der die Freundschaft zu seinen Protagonisten enorm belastet: die unglaubliche Armut und existentielle Ungleichheit der beiden Welten. Wiström mag zwar Daniel seinen ‚Bruder‘ nennen, aber wie weit reicht denn seine ‚brüderliche’ Verantwortung?

Mikael Wiström, Eine Auswahl seiner Filme: SOFT LANDING OF A FACTORY WORKER (1982); THE INFIGHT (1985); IL – A MOTHERS EXPERIENCE (1989); LETTER TO PARADISE (1989); FOREIGNERS COME TO TOWN (1990); THE OTHER SHORE (1993); AMERICA, AMERICA… (1998); ORPHANAGE 67 (2001); COMPADRE (2004).

FAMILIA

Liebst du mich?” fragt Daniel seine Frau Nati, die dabei ist ihren Koffer zu packen. 34 Jahre haben sie zusammen gelebt. Bald wird beide ein unendlich scheinender Ozean 61 trennen. Nati wird Peru verlassen, um nach Spanien zu gehen und Geld für die Familie zu verdienen. In Lima geht Daniel zwar jeden Tag arbeiten, um den familiären Lebensunterhalt mit seinem Mototaxi zu erwirtschaften. Doch dies ist nicht genug, um die Schulausbildung des kleinen Sohnes zu bezahlen. FAMILIA ist Mikael Wiströms dritter und letzter Teil seines Dokumentarfilmprojektes, das sich der Familie Barrientos aus der peruanischen Hauptstadt Lima widmet. Wiström lernte Daniel Barrientos 1974 kennen. Damals arbeitete dieser mit seiner Frau Nati auf einer Müllhalde in Armenvierteln und sammelte, was sich verwerten lies. In FAMILIA konzentriert sich Wiström auf Nati, die darum kämpft ihre Familie voranzubringen. Tausende Kilometer von Mann, Tochter und Sohn entfernt, als Zimmermädchen in einem Hotel in Spanien. FAMILIA erzählt in intimer und einfühlsamer Weise eine private familiäre Geschichte voller Emotionen, Schwierigkeiten und Kämpfe, die gleichzeitig eine globalere Geschichte von Migration ist.

FAMILIA gewann zahlreiche Preise, u.a. auf Menschrechtsfestivals in Berlin, Wien, Toronto, Prag, London, New York.

Mikael Wiström studierte an der Dramatiska Universität in Stockholm und führt seitdem Regie bei zahlreichen Dokumentarfilmen. Filme: THE OTHER SHORE (1993), COMPADRE (2004).

Alberto Herskovits, geboren in Argentinien, wuchs in Deutschland auf. Er studierte Film in Deutschland und den USA. Seit 1990 arbeitet er in Schweden und Deutschland als Filmemacher und Kameramann.

A Tree falls

Aus der Sicht eines kleinen Mädchens des Yorubavolkes wird ein detailliertes Bild des Alltags im heutigen Nigeria eingefangen. Das Land zählt zu den reichsten und mächtigsten Staaten Schwarzafrikas; wobei Reichtum und Macht aber nur einer kleinen Elite dienen. Das Mädchen Kadidja lebt im Dorf Okelogba. Ein weißer Vermessungsbeamter taucht auf, der eine neu geplante Straße vermisst. Es werden bald Bäume gefällt und Kadidjas Vater stirb vor lauter Aufregung. Die Baumaschinen beginnen mit ihrer Arbeit. Den Dorfbewohnern kommt schnell die Frage, was soll aus dem Dorf werden? Das Filmteam stellt die Frage, wem diese Straße dienen wird? Nutznießer dieser Infrastruktur sind eben jene Eliten und ausländischen Konzerne, die den Reichtum dieses Landes kontrollieren.

Der Film vermittelt den Alltag und zeigt, wie die Musik in den Alltag der Menschen eingebettet ist. Die Frauen singen beim Kochen, bei der Feldarbeit und singen zu ihren Kindern. Die Texte behandeln Sprichwörter, religiöse aber auch aktuelle politische Themen. So erschließt sich dem Zuschauer die eigentliche Bedeutung, die Musik und Gesang in Afrika hat.

Den Film gibt es nur in schwedischer Fassung, dies sollte jedoch kein Grund sein, sich abschrecken zu lassen. Vieles erschließt sich über die Bilder und die Musik. (Festival Katalog 1987)

Zigeuner sein

In ihrer Sprache heißt Roma einfach Menschen. Der Film läßt diese Menschen davon sprechen, wie sie verhaftet und in Lager und Gefängnisse gesteckt werden, dass 90 Prozent ihrer Familien in den Lagern bleiben. Sie sprechen mit burgenländischem, bayrischem, sächsischem Akzent; sie leben in trostlosen Baracken an den Stadträndern, zu zehnt in einem Zimmer mit feuchten Wänden. Im Win-ter sind die Kinder ständig krank. Peter Nestler fügt mit seiner dunklen schweren Stimme die weite-ren Fakten hinzu. Auch ein Lagerangestellter kommt zu Wort, der schildert, dass das „Zigeunerlager“ in Birkenau ihm, obwohl schon mit einer “Hornhaut” versehen, doch die Sprache verschlug. Und am Ende fasst eine kluge Frau das ganze Unrecht, das diesen Menschen widerfahren ist, präzise zusam-men. Nein, sie haben sich in 600 Jahren nicht nicht assimiliert, sondern man hat sie sich nicht assimi-lieren lassen. Und zwar bis in die Gegenwart. Peter Nestler verwässert das weder sprachlich noch filmisch. Dieser Meilenstein des Dokumentarfilms bezeugt zum ersten Mal und in direkter Sprache die Verfolgung der Sinti und Roma am Beispiel Deutschland und Österreich.

Die deutschen Fernsehanstalten haben sich nicht richtig getraut, ihn zu senden (außer hier in Schweden Anfang der 70-er Jahre bei SVT).“ Peter Nestler