Strangers

Vier Fremde - gleicher Raum, gleiches Gewand, gleiche Stadt.
In dieser filmischen Versuchsanordnung begegnen sich vier Menschen, die in der indischen Stadt Kolkata völlig unterschiedliche Leben führen: Ein älterer Muslim, ein in Geldnot lebender Hindu aus der höchsten Kaste, ein Drogendealer und eine liberale Studentin. Der schwarze Raum ihrer Zusammenkunft wirkt wie ein Versuchslabor und ist das ordnende Element des Films. Ihm gegenüber stehen die Szenen, in denen wir die Protagonist*innen in ihrem individuellen Alltag begleiten.
Wer sind wir? Was teilen wir? Was wissen wir voneinander? Ein Experiment über Identität und Gesellschaft.

Up Down & Sideways

Warum singen Menschen bei der Arbeit? In dem Dorf Phek im Nagaland an der Grenze zwischen Indien und Myanmar arbeiten die Bauern und Bäuerinnen meist alle gemeinsam auf den Feldern. Beim Vorbereiten der Terrassen, dem Pflanzen der Setzlinge und Einbringen der Ernte über die steilen Hänge - singen die Menschen aus Phek. Sie nennen diesen traditionellen Gesang ‚Li‘ und niemand kann ihn allein singen, es braucht ein vielstimmiges Kollektiv im Rhythmus der Auf- und Ab- und Seitwärts-Bewegungen bei der Arbeit. Nach der Arbeit erzählen die Bauern und Bäuerinnen in fröhlicher Runde, wovon ihre Lieder handeln und was sie ihnen bedeuten. So lässt der Film mit zwanglosen Interviews und atmosphärischen Bildern, getragen vom Rhythmus der Arbeit, ein lebendiges Porträt dieser dörflichen Gesangskultur entstehen.
UP DOWN & SIDEWAYS ist der erste lange Dokumentarfilm des U-ra-mi-li – Projekts, mit dem ein Künstlerkollektiv den Zusammenhang von Musik, Rhythmus und Bewegung im Alltagsleben erforscht.

Dieser Film wurde sowohl von beiden Kommissionen - des Hauptprogramms als auch der students‘ platform ausgewählt. Er ist zugleich ein Debütfilm und aufgrund seiner Entstehung als Kollektivprojekt besonders bemerkenswert.

Withering House

Das Haus, in dem wir leben gibt uns ein Gefühl von Zugehörigkeit. Es umhüllt und beschützt uns, wird zum Sinnbild der Zeit, der Kultur sowie der Wesen, die darin leben. Jedes Haus hat eine eigene Identität, wie ein lebendes, atmendes Wesen.
BISMAAR GHAARWITHERING HOUSE ist ein beobachtender Film über Maheshbhai, Tarunaben, Ganpatbhai und ihr Haus. Nachdem sie seit 20 Jahren in einem fast hundert Jahre altem Haus im Herzen der sechs Millionen Stadt Ahmedabad, Indien, lebten, steht nun der Umzug an - in ein neues Apartment, dass sie durch das Wohnungsbau-Projekt des Premierministers bekommen haben. Bewegen wir uns mit zunehmender Urbanisierung und ‚Entwicklung‘ in Richtung einer merkwürdigen Art von Uniformität? Oder schaffen es unsere traditionellen Strukturen einfach nicht mehr, unsere Bedürfnisse zu befriedigen? All diese Fragen werden sichtbar in unserem persönlichsten Embodiment – unserem Haus.

At the Crossroads

Eingebettet in die Gebirgskette des Himalayas in Uttarakhand, Indien, liegt das Dorf Kalap, zu Fuß fast 10 Kilometer bergaufwärts von der nächsten Straße entfernt. Seit Generationen gingen die Menschen in Kalap ihren eigenen Weg zu einem nachhaltigen Leben . Bald soll das Dorf mit einer Straße ausgestattet werden. Was bedeutet die einfachere Angebundenheit für die Menschen in Kalap, was verändert sich? Angepasst an die Geschwindigkeit des Dorflebens taucht der Film ein in die alltäglichen Lebensrealitäten der Menschen in Kalap und dem Dorf Kotgaon, das bereits an eine Straße angebunden ist. Eine Reise durch Zeit und Raum, getragen von visuell eindrücklichen Bildern und den Beziehungen, die der Regisseur zu den Gefilmten aufbaut. Über den Zeitraum von drei Jahren besuchte dieser die Menschen in Kalap immer wieder, erst in den letzten Tagen seiner Aufenthalte begleitete er sie mit der Kamera.

NAZAR

NAZAR
Regie: Mani Kaul; Buch: Sharmistha Mo
hanty und Mani Kaul nach einer Novelle
von Dostojewski; Kamera: Piyush Shah;
Schnitt: Lalitha Krishna; Musik: Vikram Joglekar, D. Wood,
Indien 1990; 35 mm; Farbe 100 min.

Grundlage der Geschichte bildet eine Novelle von Dostojewski. Ein Mann läßt die Vergangenheit seiner Ehe Revue passieren. Dabei nimmt die Vorstellung der Frau idealisierte Züge an. Er glaubt, die Frau zu besitzen. Er bemerkt indes nicht, daß er sie in ihrem Unabhängigkeitswillen unterdrückt. Die stillen Konflikte sind die ersten Zeichen des Bruches. Auseinandersetzungen, Hoffnung, Haß führen zu einem schlimmen Ende.

SIDDHESHWARI

SIDDHESHWARI behandelt die Tradition der ‘Thumri’- Musik, die sich ‘Gandharva’ nennt, eine Huldigung an die himmlischen Musikanten von Indras Hof. Diese Tradition geht auch auf die Mahabaratha-Sage zurück. Der Film folgt keinem linearen Erzählmuster, sondern geht wie der Thumri’ verschiedenen Linien im Leben der Sängerin Siddeshwari nach: ‘Siddhi’ als junges Mädchen im Haus ihrer Tante, ihre ersten Gesangsversuche, ihr leidenschaftliches und stilles Engagement beim Unterricht durch ihren Lehrer. Weil sie es wagt, Fragen zu stellen, wird sie aus dem Haus ihrer Tante in die Straßen von Benares gejagt, der großen heiligen Stadt. Im Haus ihres Lehrers findet sie Aufnahme, setzt ihren Unterricht fort und findet Anerkennung als große Sängerin. Ihre Stimme verdichtet alle Entbehrungen der Kindheit, den Schrecken und auch die Schönheit von Benares, zu einer im ‘Thumri’ bis dahin nicht gekannten Musik. Ihr halbes Leben bleibt Siddheshwari heimatlos, singt, kocht und gibt demütig jedem, der über ihre Türschwelle tritt. Als sie stirbt, hinterläßt sie eine Ausdruck gewordene Leidenschaft, die die Mannigfaltigkeit des Lebens feiert.
(20. Internationales Forum des Jungen Films, Berlin 1990)

In SIDDHESHWARI versucht Kaul, die besondere Form von ‘Angst’ zu zeigen, aus der ihr Thumri’-Gesang entsteht. Die bewegte Komposition der Bilder von den gewundenen Gässchen in Benares korrespondiert mit den anmutigen Schleifen des Gesangs. Kauls Sache ist es nicht, unbedeutende naturalistische Details hervorzuheben, die einen Teil der Umgebung seines Künstler-Themas ausmachen. Im Gegenteil vermeidet er geflissentlich die verkürzende Darstellungsweise angeblicher ‘Authentizität’. Er behandelt seine Filme wie magische Mandalas. (Arun Khopkar, in: Cinema in India, OkUNov 1989)

MATI MANAS

Zu Beginn von MATI MANAS sagt ein Töpfer: “Die Werke des Töpfers sind keine bewußten Geschöpfe wie die Geschöpfe Brahmas, die Menschen. Das Nichtbewußte vermag nicht zu sprechen, der Mensch indes könnte ohne diese Geschöpfe nicht leben.” Am Schluß des Films, als sich der Bogen schließt, heißt es in dem letzten Mythos: “Der Töpfer ist Brahma, Diese Lehmgefäße, die wir herstellen, werden ewig bestehen. Die menschliche Hülle hingegen wird verwesen…”

Mani Kaul knüpft hier an die Tradition der Verbindung von Mythologie und Alltag an. Aus dem Halbdunkel eines Museums mit Terrakottagefäßen der Frühzeit leitet er über zu den Töpfern von heute, die diese Tradition in ihren Werken fortsetzen und füllt diese ‘Museumsstücke’ wieder mit neuem Leben. Mani Kaul führt uns von der weiten indischen Zentralebene (Rajasthan, Uttar Pradesh, Bihar und Bengalen) - die eine der ältesten Kulturen der Welt hervorbrachte - bis in den äußersten Süden, um uns eine Materialgeschichte vor Augen zu führen, zu der wir jede Verbindung verloren haben. (Ashish Rajadhyakasha, in: Indian Cinema 1980-85, Neu Delhi)

DHRUPAD

Der Film ist einer Form der klassischen indischen Musik gewidmet, die auf das 15. Jahrhundert zurückgeht. Gleichzeitig benutzt DHRUPAD sein Thema aber auch als einen Vorwand zur dokumentarischen Gestaltung subtiler Rätsel, architektonischer Strukturen und stilisierter Formen der Ekstase. Mani Kaul, ein kompromissloser junger indischer Regisseur, entwickelt in seinem Film die ätherische Vision von Ruinen-Städten und höfischen Gärten, während er gleichzeitig die bemerkenswerten, trancegleichen Musikdarbietungen der Dagar-Brüder einfängt. Sie sind die Abkömmlinge einer Familie, die sich seit mehr als einem Dutzend Generationen mit der Dhrupad-Musik beschäftigt. (Produktionsmitteilung)

Dhrupad ist die Kurzform von Dhruva-Pad. Dhruva ist der Name des mächtigen und konstanten Gestirns am nördlichen Himmel und Pad bedeutet Komposition. Dhrupad ist eine konstante, mächtige und reine Form der indischen Musik.
Indien besitzt ein großes Erbe, das auf mehrere Jahrtausende zurückgeht. Musik ist immer persönlich gewesen - ein Musiker singt zu Haus oder am Hof des Königs für ein paar Auserwählte. Anders als die westliche Form der Symphonie ist die indische Musik etwas intim Vertrauliches, das man mit strenger Disziplin und absoluter Hingabe von einer Generation an die nächste weitergegeben hat. Die Musiker improvisierten die verschiedenen Ragas (eine einfache, auf fixierten Noten beruhende Melodie, die durch die Improvisation ausgearbeitet werden kann) mit großer Ausdauer und entwickelten ein Verhältnis zwischen dem Raga und der Umgebung. Manche Ragas sind nur für den Morgen gedacht und werden nie am Abend gesungen. Jeder Raga entspricht einer bestimmten Tageszeit. (14. Internationales Forum des Jungen Films, Berlin 1984)

DHRUPAD ist eine Meditation über Musik. Die Musikaufführung in Jaipur, der ‘rosa Stadt’ von Rajastan, korrespondiert mit dem Aufbruch ins Zeitalter der Aufklärung (…) Die morgendlichen und abendlichen Ragas scheinen die Zeit anzuhalten; die Instrumente scheinen den Raum zu erweitern. Kauls Films skizziert Schritt für Schritt die Konfiguration einer vergeistigten Trance.
(Elliot Stein, in: Cineme India-International, Jan-März 1984)

BEFORE MY EYES

Ein Auftragsfilm des Tourismus-Instituts von Kaschmir und Jammu. Für Kaul selbst ist der Film “ein filmisches Gemälde des Kaschmir-Tals, ohne Kommentar und Dialog, dessen Schönheit mehr hat als den Reiz einer Touristenattraktion.