TENACE

Der Film beginnt mit Sand, der Grundlage von Glas und Beton und entfaltet sich weiter als eine Meditation über urbane Infrastruktur, Gebäude, Oberflächen. Surreale und sinnliche Bilder konfrontieren uns mit Bestandteilen von Städten. Obwohl TENACE kein städtisches Leben zeigt, erzählt er dennoch von urbaner Gesellschaft. Mit ruhiger Kameraführung und eigenwilligen Rhythmus läd TENACE dazu ein, über unsere Einbettung in die Materialität von Städten und ihren Einfluss auf unsere Erfahrung nachzudenken.

Wenn die Stadt irgendwann völlig erbaut, aufgeräumt und von allen Formen der Störung befreit ist, was wird dann übrigbleiben?

Regie, Buch, Kamera, Ton:  Jean Baptiste Barra, Timothée Engasser
Montage, Ton: Théo Peruchon
Kontakt: t.engasser@hotmail.fr

 

143 Sahara Street

Ein winziges Café am Transsahara-Highway, ein Tresen, ein Tisch, Fenster, die offene Tür. Wie zum Kurzauftritt erscheinen verschiedenste Reisende auf dieser spärlichen Bühne, Fremde und Stammgäste, zu einem Kaffee nebenbei und manchmal vieldeutigem Gespräch. Nur ihre Katze leistet der Betreiberin Malika beständig Gesellschaft. Draußen ist Sand und der Schwerverkehr donnert vorbei, nebendran wird grad eine riesige Tankstelle gebaut.

Eigentlich wollte der Regisseur ein Roadmovie drehen, sein Film aber geriet zum Gegenteil.

Bei Malika kommt die Welt zum Stillstand. Sie ist der unverrückbare Ruhepol, an welchem die Gäste aus der Ferne stranden, einen Moment ausruhen, Alltägliches kommentieren, ins Sinnieren geraten. Obwohl dokumentarisch entstanden, wirken die zufälligen Begegnungen wie inszeniert. Mit dem Auge der Kamera folgen wir gebannt einer schwebenden Zeit zwischen Nähe und Fremdheit.

Best emerging director, Locarno Int. Film Festival 2019 

Special jury mention, Montréal Int. Documentary Festival RIDM 2019 

Price of the city of Torino, Torino Film Festival 2019 

Hassen Ferhani, geb. 1986 in Algier. Er engagierte sich schon früh im Chrysalide Filmclub, der zu einer Künstlerorganisation gehörte; arbeitete als Drehbuch- und Regieassistent und nahm 2008 an Workshops der FEMIS in Paris teil. Seine Kurzfilme LES BAIES D’ALGER (2006), AFRIC HOTEL (2011), TARZAN, DON QUICHOTTE ET NOUS (2013) liefen auf internationalen Festivals. Sein erster Langfilm DANS MA TÊTE UN ROND-POINT (2015) erhielt Auszeichnungen u.a. von FID Marseille und IDFA (Freiburger Filmforum 2017).

Regie, Kamera: Hassen Ferhani
Montage: Nadia Ben Rachid, Hassen Ferhani, Nina Khada, Stéphanie Sicard
Ton: Mohamed Ilyas Guetal
Sounddesign: Antoine Morin
Mit Malika, Chawki Amari, Samir Elhakim
Produktion: Allers Retours Films
Verleih: Pascale Ramonda pascale@pascaleramonda.com

MERRY CHRISTMAS, YIWU

Obwohl in China kein Weihnachten gefeiert wird, gibt es im ostchinesichen Yiwu über 600 Fabriken für Weihnachtsdekoration. Fast zwei Drittel aller weltweit verkauften Weihnachtsartikel werden hier hergestellt. Wie am Fließband dekorieren junge Leute aus dem ganzen Land jahrein, jahraus Weihnachtskugeln, sprühen Glitter auf die seltsamsten Dekoartikel oder staffieren Weihnachtsmänner mit Polsterwatte aus. Wer hier arbeitet, verdient vergleichsweise gut, wird vom Betrieb rundum versorgt und die KollegInnen ersetzen die Familie fern von daheim. Hier scheint ein chinesischer Traum wahr zu werden, der die Hoffnung schürt, sich vielleicht sogar irgendwann selbständig machen zu können.

Ohne Wertung folgt die Kamera den jungen ArbeiterInnen in dieser künstlich, surrealen Welt; nur der Betrachter fragt sich, wie lange - oder ob - wir uns diesen Wunsch nach massenhaftem kurzweiligem Vergnügen zu Weihnachten noch leisten können.

Mladen Kovačević, geb. 1979 in Serbien. Er studierte Spielfilmregie in Belgrad, London und Kapstadt, widmete sich später jedoch dem Dokumentarfilm. Seine Filme erzielten mehrfach Auszeichnungen auf internationalen Festivals. UNPLUGGED (2013) behandelt die serbische Tradition des Musizierens mit Blättern. WALL OF DEATH, AND ALL THAT (2016) porträtiert das Nomadenleben einer Motorrad-Artistin. Das essayistische Bergsteigerporträt 4 YEARS IN 10 MINUTES (2018) gewann u.a. eine Special Mention der Visions du Réel und war IDFA Best of Fests. MERRY CHRISTMAS YIWU war 2017 ein Eurodoc Projekt und wurde in Koproduktion mit Arte und dem Doha Film Institut hergestellt.

Regie: Mladen Kovačević
Kamera: Marko Milovanović
Montage: Jelena Maksimović
Musik: Olof Dreijer
Sounddesign: Patrik Strömdahl
Produktion: Horopter Film Production
Verleih: Hanne Biermann info@deckert-distribution.com

Be’ Jam Be - the Never Ending Song

Das Leben der Penan, im Malaysischen Bundesstaat Sarawak auf Borneo, ist von der massiven Zerstörung des Regenwaldes bedroht. Wie können die ehemaligen Nomaden ihr Weiterleben gestalten, wenn ihr Lebensraum, und damit ihre Lebensgrundlage, zunehmend vernichtet wird? Getragen von Sprechgesängen des Widerstandes erzählt der Film von dem Konflikt zwischen traditioneller Lebensweise und dem Kampf gegen die Planierraupen. 

Makala

Die Idee zum Film, sagt Emmanuel Gras, war recht einfach: Kabwita, sein Protagonist aus Kolwezi im Süden des Kongo lebt, von der Köhlerei. Normalerweise verkauft er die Holzkohle im Dorf, aber weil er für die Familie ein Haus bauen will, soll eine größere Menge in der Stadt verkauft werden. Er fällt also einen Baum, verarbeitet das Holz zu Kohle und verstaut es in Säcke, die er auf ein klappriges Fahrrad bindet, um es meilenweit in den nächstgrößeren Ort zu schieben. Der Transport dauert Tage.

So simpel die Idee – der Film konzentriert sich ausschließlich auf die Arbeit – so beeindruckend ist die Unmittelbarkeit, die Gras’ Bilder herzustellen vermögen. Seine Einstellungen erinnern mehr an eine inszenierte Erzählung, als eine dokumentarische Beobachtung. Nur selten entfernt sich die Kamera vom Geschehen, immer sucht sie die Nähe zu Kabwita und zeigt, wie sein Traum von einem besseren Leben ihm hilft, diese Knochenarbeit durchzustehen.

MAKALA ist der zweite Langfilm von Emmanuel Gras und gewann 2017 als erster Dokumentarfilm den Großen Preis der Semaine de la Critique in Cannes.

 

Filles du Feu

Ein ungewöhnlicher Film aus dem Syrienkonflikt: weit entfernt von typischen Kriegsreportagen beobachtet der Anthropologe Stéphane Breton kurdische Soldatinnen, nicht in Kampfsituationen, sondern bei Patrouillen, Wachen, Pausen, Kampfvorbereitungen. Der eigentliche Krieg bleibt in der Ferne und ist doch in der Mühsal, Disziplin und Konzentriertheit der Frauen präsent. Keine Spur von männlicher Soldateska – diese Kämpferinnen machen es womöglich besser. Ihre Gelassenheit und ihr vollkommen gleichberechtigtes Auftreten neben ihren bewaffneten Brüdern, vor der Kulisse einer Welt in Ruinen, weckt beklommene Bewunderung.
Der Film enthält sich einer politischen Positionierung. Bretons solitäre Arbeit kreist um das Verhältnis zwischen dem, was die Kamera festhält und demjenigen, der sie führt. Seine Filme sind nicht ‚über‘ etwas, sondern das Sehen und Gesehenwerden ist das Thema seiner Filme.

MUSIQUE DU BELOUTCHISTAN

Ein Film über die Musik der Nomaden Beloutschistans. Die Sänger und Musiker gehören der sunnitischen Glaubensrichtung des Islams an und sind Spezialisten für Exorzismus in Trance. Diese rituelle Musik schlägt den Zuhörer in ihren Bann. Yves Billon ist es gelungen, neben den Musikern faszinierende Landschaftsbilder und unaufdringliche Impressionen vom Alltag der Nomaden im Bild festzuhalten.

BOULEVARD D’AFRIQUE

Soukey hat gerade ihre Reifeprüfung am Lyzeum in Dakar abgelegt. Nach einer mit Musik und Tanz verbrachten Nacht kommt sie nach Hause zu ihren Eltern, die ihr ihre zukünftige Hochzeit mit einem Industriellen, dem sehr ehrwürdigen ‘Medaillienonkel’ ankündigen. Aber Soukey sieht ihre Zukunft anders. Sie möchte ihr Studium fortführen und ist in einen anderen Mann verliebt: in Mandou, einen jungen Doktor des Zivilrechts, der gerade aus Paris kommt. Mit Hilfe ihrer Freunde wird sie alles unternehmen, um ihre Verlobung rückgängig zu machen. Aber glücklicherweise entscheidet das Schicksal anders, denn noch bevor der Komplott beginnt, kündigt das Radio die Verhaftung und Gefängnisstrafe von ‘Touton Medailles’, dem ‘Medaillienonkel’ an, wegen ‘zu schneller Bereicherung’. Soukey jubelt, ihre Eltern sind verzweifelt; vorbei ist es mit der Villa, den Autos und der Sicherheit. 

Die triumphierenden Kinder vergeben ihren irregeleiteten Eltern und zwingen sie, der Farandole zu folgen, die über den Umweg zum Gefängnis Onkel Gueye befreit, der sich dem Gefolge anschließt, um am Strand die Liebe von Soukey und Madou zu feiern.

Jean Rouch hat die von TamSir Doueb im ‘Café de la Danse’ in Paris aufgeführte musikalische Komödie in die Straßen von Dakar verlegt. Ein Versuch, “italienisches Szenentheater und Straßentheater mit dem Wind, dem Meer und der Sonne” zu versöhnen. Dabei wurden die Regeln eines Dokumentarfilms respektiert, nur eine Aufnahme pro Szene gemacht, ohne Wiederholung. Ein Film, in dem alle Sprachen vom Französischen bis zum Mossi, von Wolof bis Bambara gesprochen werden und der von der Liebe handelt.

A PROPOS DE TRISTES TROPIQUES

Der brasilianische Filmemacher Jorge Bodanzky und der französisiche Anthropologe Patrick Menget machen sich auf die Suche nach den Spuren von Claude Levi-Strauss. Die beiden Autoren wollten dabei keinen Dokumentarfilm über die Nambikwara, die Kaduveo und die Bororos machen, dort wo der junge Levi-Strauss 1935/36 arbeitete.
In der Biographie von Levi-Strauss erscheint die Erfahrung der ‘Feldforschung’wie ein grausamer Moment. Auf seiner Reise - beschrieben in ‘Traurige Tropen’ -, wo sich Ethnographie und Philosophie vermischen, enthüllt sich der Schriftsteller Levi-Strauss in dem er uns am Elend der ‘Feldforschung’ teilhaben läßt. Das Buch wird zum Essai über die Gesellschaft, eine Meditation über die Ethnologie und die Kunst, es zwingt uns, über die verstreichende Zeit nachzudenken.

Der Film teilt sich in drei Teile auf: da sind zuerst die Zitate aus dem Buch ‘Traurige Tropen’, dann gibt es Originalaufnahmen von Levi-Strauss und seiner Frau, die sie gemeinsam 1935-36 drehten (Filme, die erst vor kurzem in der Cinömatheque von Sao Paolo wiedergefunden wurden) und die letzte Ebene besteht aus den Interviews und Kommentaren von Levi-Strauss, die er 50 Jahre danach während einer Reise durch Brasilien zusammen mit dem Präsidenten Mitterand machte.
Autoren: Claude
Levi-Strauss, Patrick Menget, J. Bodanzky 

JEAN ROUCH PREMIER FILM 1947 - 1990

Es handelt sich hier gerade nicht um dem ersten Film von Rouch. Es sind von Rouch aufgenommene Bilder - genauer gesagt 13 Minuten Bildmaterial -, das von den ‘Actualites Francaises’ unter dem Titel ‘Au pays des mages noire’ (I) zusammengestellt wurden. Dazu kommt der dazugelegte kolonialistische Kommentar im Stile eines Radioreporters. Das war 1947. Heute im Jahre 1990 hat Rouch daraus wieder seinen eigenen Film gemacht: sein ‘erster Film’ wird neu kommentiert (er improvisiert einen neuen Kommentar zum Film). So wird langsam aus der Version ‘Actualites’ eine Version ‘Rouch’. Es wird auch zu einem kleinen Dokument über Rouch heute.