Werkstattgespräch: Chinesisches Gewebe

Die Künstlerin und Modedesignerin Regine Steenbock befasst sich mit ethnologischer Modeforschung und stellt ihr Foto- und Filmprojekt „Chinesisches Gewebe“ in Auszügen vor. Die Teilnehmer*innen werden zu einer vielschichtigen Entschlüsselung verschiedener Lesarten von Mode und Kleidung in einem fremden Sprach- und Kulturraum eingeladen.

Kleidung gehört zum Repertoire menschlicher Kommunikationsformen. In einer reichen Sammlung von Beobachtungen richtet Steenbock ihren Blick auf eine für europäische Augen immer noch weitgehend unbekannte Welt. Die komplex codierte und handwerklich ausgefeilte Textilsprache der Minorität der Miao in der chinesischen Provinz Guizhou vermengt sich heute mit der omnipräsenten chinesischen Fast Fashion. Das in der Massenmode angereicherte ornamentale Kauderwelsch aus aller Welt wird in die Miaosche Bildwelt eingearbeitet und nicht selten zugunsten lokaler Bedeutungen uminterpretiert.

YOU KNOW SOME BIRDS (D 2021, 44 min, 5.Teil von CHINESE WEAVE) ist eine filmische Annäherung an die Alltagswelt der Miao. Wir erleben einen Singvogel-Wettkampf und sehen u.a. die Herstellung traditioneller Blasinstrumente, die Reisernte und verschiedene Vorbereitungen für ein Fest. Der Filmtitel ist dem Aufdruck eines T-Shirts entliehen, das während eines Totenrituals zufällig von der Kamera eingefangen wurde. Solche detailfreudigen Beobachtungen kennzeichnen Steenbock’s Arbeit. In vielen Ornamenten der Kleidun tauchen Vögel auf, die in der metaphernreichen Mythologie der Miao eine Mittlerrolle zwischen der physischen und metaphysischen Welt spielen. Die unkommentierten Aufnahmen bieten den Betrachtenden ein möglichst unmittelbares Seherlebnis und regen an zum eigenen Entschlüsseln.

Im Verlauf dieser Reise durch eine verwirrende und zugleich betörende Welt der Bilder und Stoffe verstärkt sich der Eindruck, dass nicht die Pop-Moderne in China angekommen ist. Vielmehr ist die Pop-Moderne spurlos von der chinesischen Mythen- und Symbolwelt aufgesogen worden. Hier gibt es kein Vor- und Nachher, keine Suche nach der verlorenen Zeit, und auch nichts Sentimentales, sondern Alles ist gleichzeitig in ständiger, geschmückter Verwandlung. Die wunderbarste Anverwandlung von Allem an Alles geschieht im Zeichen des Schmetterlings; denn die Schmetterlingsmutter – was für ein Wort – gilt den Miao als Urahnin allen Seins. In ungezählten Mustern in dieser Kultur verehrt, ist das Bizarrste vielleicht die Schmetterlingscamouflage: Wie der Schmetterling mag der so Camouflierte dem Krieg entkommen.“ (Barbara Vinken im Vorwort zum 2020 veröffentlichten Fotobuch)

Regine Steenbock studierte zunächst Bühnen- und Kostümbild an der Hochschule für Angewandte Kunst, Wien, danach Film an der Städelschule, Frankfurt/Main bis 1985. Zwischen 1985-93 entstanden experimentelle Kurzfilme (u.a BIGGI, VEL, Ein Dokumentarfilm über die Liebe) die von internationalen Filmfestivals und Institutionen gezeigt wurden. 1994 wechselte sie zur Mode, gründete 2001 ihr Modelabel »Sium« und betrieb bis 2015 eigene Läden in Berlin und Hamburg. Ihre Kollektionen wurden u.a. in Paris und Tokyo präsentiert und erhielten internationale Preise. Steenbock war 2005 Gastprofessorin für Modedesign an der Weißensee Kunsthochschule Berlin. 2013 führte sie eine Lehrtätigkeit nach Johannesburg, 2016-18 unterrichtete sie als Gastprofessorin für Modedesign an der Beijing Normal University in Zhuhai, Südchina. Mit „Chinesisches Gewebe“ knüpft sie erstmals wieder an ihre frühere Tätigkeit als Filmemacherin an.

Kamera, Schnitt, Realisation: Regine Steenbock

Kontakt: steenbock@sium.net