Die Nacht, in der es regnete

Iranische Schulkinder begegnen in ihren Lesebüchern der heldenhaften Geschichte eines Jungen, der aufopferungsvoll ein Zugunglück zu verhindern weiß. In der dunklen Nacht gelingt es dem Jungen, einen nahenden Zug rechtzeitig mit seinem brennenden Hemd vor einem die Bahngleise blockierenden Geröllhaufen anzuhalten. Ende der 60er Jahre berichten die Zeitungen in Teheran von einem Jungen im Norden des Iran, dem Ähnliches gelungen sein soll: Er habe den Zug mit seiner angezündeten Jacke vor einem durch ein Unwetter unterspülten Schienenabschnitt rechtzeitig gerettet. Die Presse ist in Aufruhr: Handelt es sich bei der Heldentat um Wahrheit oder »die größte Lüge des Jahres«?
Schirdels Filmteam erhält von dem Ministerium für Kultur und Kunst den Auftrag, einen Film über den Jungen zu drehen. Der Filmemacher interessiert sich weniger für den Wahrheitsgehalt der Geschichte, sondern wer und mit welchem Interesse verschiedene Versionen des Vorfalls kolportiert: Zeitungsreporter, ein Gouverneur, der Polizeichef, Bahnangestellte, Lehrer, Schüler, Bauern und andere »Zeugen«. Die einen meinen, der Junge würde gar nicht existieren, die anderen erklären sich selbst zum wahren Helden; der Gouverneur erkennt ihn als den Einzigen an. »Mit doppelbödigem Schalk zeichnet Shirdel ein zartbitteres Bild der iranischen Gesellschaft: Wahrheit, Gerücht und Lüge lassen sich nicht mehr dividieren.«

Robert Richter

Kamran Shirdel, geboren 1939, studierte in Rom Architektur und Film. 1964 kehrte er in den Iran zurück und realisierte sechs Dokumentarfilme im Auftrag des Kultusministeriums. Shirdel analysiert mit der spezifischen Filmästhetik der Kontrapunktmontage Schattenseiten und soziale Missstände der iranischen Gesellschaft. Filme u.a.: NEDAMATGAH / FRAUENGEFÄNGNIS (1965); QALEH / FRAUENVIERTEL (1966); TEHRAN, PAYETAKHTE IRAN AST / TEHERAN IST DIE HAUPTSTADT IRANS (1966); AN SHABKE BARUN AMAD / DIE NACHT, IN DER ES REGNETE (1967/79).