Robert Gardner begann seine Laufbahn als Filmemacher im Nord-Westen der Vereinigten Staaten, wo er seinen ersten Film BLUNDEN HARBOUR bei den Kwaki-utl drehte. Zurück nach Massachusetts, wo er 1925 geboren wurde, wurde er 1955 Direktor des neu eingerichteten ‘Film Study Centers’ an der Harvard University. Nachdem er zusammen mit John Marshall den Film THE HUNTERS fertigstellte, drehte er auf der von ihm geleiteten Expedition des Peabody Museums nach West-Neuguinea 1963 seinen ersten Langfilm, den inzwischen zum Klassiker gewordenen DEAD BIRDS.

In den letzten fünfundzwanzig Jahren entstanden zahlreiche Filme unter seiner Regie. Neben seinen Arbeiten mit ethnologischen Inhalten drehte Gardner aber auch eine Reihe weitgehend unbekannter Kurzfilme über unterschiedliche Inhalte, so zum Beispiel über den Maler Mark Tobey und den Bildhauer Alexander Calder. Robert Gardner etablierte das Fach Film an der ‘Harvard University’ und gab bereits Filmkurse als er selbst noch Student (der Ethnologie) war. Seit dreißig Jahren nun ist er Direktor des ‘Film Study Center’, von wo manche Anregung und Erneuerung in Sachen Film ausgingen. In Zusammenarbeit mit privaten Fernsehgesellschaften förderte Gardner das Schaffen unabhängiger Filmemacher. In den sechziger und siebziger Jahren verhalf er so vielen Filmemachern dazu, ihre Arbeiten ins Fernsehen zu bringen. Zur Zeit hat Gardner verschiedene Projekte im Auge. Endlich sollen die Aufnahmen, die er zu Beginn der siebziger Jahre bei den Danakil (Nordost Äthiopien) machte, zu einem Film montiert werden. Außerdem schreibt er an einem Drehbuch für seinen ersten Spielfilm. Im Winter 1988/89 besuchte Gardner noch einmal die Dani von Dugum, bei denen er vor nahezu dreißig Jahren DEAD BIRDS drehte, um einen neuen Film über die Dani zu machen.

Robert Gardner:
“Können wir von Geschichten sprechen, wenn wir über Dokumentarfilm reden? Sollte eine Geschichte erzählt werden? Ich glaube alle Dokumentarfilme erzählen in irgendeiner Form eine Geschichte. - Eine Person die sicher großen Einfluß auf mich gehabt hat als ich jung war, ist Basil Wright (SONG OF CEYLON) und natürlich Vertow und Jean Vigo. Diese waren wirklich meine Vorbilder. Sie betrachteten in ihren Filmen das Leben als etwas wirklich bewegendes, was uns weinen und lachen läßt. Auf eine gewisse Weise brachte das auch Flaherty fertig, doch glaube ich, daß seine Filme in erster Linie Unterhaltung sein sollten. - Ich habe zwar Anthropologie studiert, betrachte mich aber nicht als Anthropologen. Ich habe auch nie eine richtige Feldforschung gemacht. Trotzdem habe ich ein gewisses anthropologisches Denken erworben. Aus diesem Denken heraus, aus meiner psychoanalytischen Erfahrung und meinen literarischen und philosophischen Interessen heraus mache ich meine Filme. - Es ist nicht so, daß ich diese Filme nur für mich selbst mache. Ich spüre eine Notwendigkeit mich mitzuteilen und ich sehe, daß es eine ganze Menge Menschen gibt, die diese Filme gerne anschauen. - Ich mache keine ‘ethnologischen’ Filme. Ich hasse diese Bezeichnung. Sie hat etwas herablassendes, etwas bestimmendes. Bei mir suggeriert dieser Begriff, daß diese Menschen etwas seltsames, fremdes, krankes, wildes haben. Wenn du vor zwanzig Jahren in einen Buchladen gegangen bist und nach anthropologischen Büchern gefragt hast, dann gab man dir Bücher über Eingeborene und ihre Sitten und Gebräuche. Ich glaube, daß wir diese begrenzte Sicht der Dinge überwunden haben sollten. - In allen Dingen liegt immer diese Ambiguität und alle meine Filme wollen dies zum Ausdruck bringen. Nichts ist sicher, nichts ist konfliktlos, nichts ist schwarz und weiß, nichts ist einfach, niemals ist zwei und zwei vier im menschlichen Leben. Und jede Interpretation ist immer nur eine von tausend. Wenn ich mir das Rohmaterial zu Hause anschaue, dann suche ich nicht nur nach der Bedeutung der Dinge für diese Menschen, ich suche genauso nach der Bedeutung, die sie für mich selbst haben. Film ist ein Vehikel für persönlichen Ausdruck. Sieht denn jeder der einen Film anschaut die selben Dinge? FOREST OF BLISS ist in dieser Beziehung sicher der persönlichste aller meiner Filme. Er steht vorläufig am Ende einer Entwicklung, die angefangen bei DEAD BIRDS über RIVERS OF SAND und DEEP HEARTS sich durch all die folgenden Arbeiten zieht. Meine Filme tragen ja auch nicht Titel wie “der Ochstanz” oder “der Holzlöffel” oder sonst etwas. Was mich an diesem Medium interessiert, ist das was ich daraus mache. - Wenn Schriftstellern vorgeschrieben würde, was sie zu schreiben hätten, wenn sie schreiben müßten, was andere Leute glauben was Liebe sei, dann gäbe es keine Schriftstellerei mehr.”
(Zusammengestellt aus Interviews, die Johannes Rühl 1985 und 1987 mit Robert Gardner führte.)