Im April 1982 wurde in einer Volksbefragung die Zweiteilung der kanadischen “Northwest Territories” beschlossen. Der östliche, 2 Mio. km2 große und zu 85% von Inuits bewohnte Teil sollte seine Autonomie innerhalb der Föderation erhalten. Aber erst 17 Jahre später, nach ungezählten Rechtsstreitigkeiten und parlamentarischen Einwänden wurde Nunavut am 1. April 1999 als jüngstes der 13 Mitglieder in die kanadische Föderation aufgenommen. In Inuktitut, einer der zwei offiziellen Inuit-Sprachen bedeutet Nunavut “Unser Land”, ein Name der auf die ganz spezielle Beziehung der Inuit zu ihrem Land und seiner Ressourcen verweist.

Mitten in den Bemühungen um die politische Unabhängigkeit wurde 1990 mit “Igloolik Isuma Productions Inc.” die erste unabhängige Inuit Filmproduktions-Firma gegründet, ein wichtiger Beitrag zur Erlangung und Stärkung auch der kulturellen Unabhängigkeit. Die Gründungsmitglieder Zacharias Kunuk, der 1998 verstorbene Paul Apak Angilirq, Pauloosie Qulitalik und Norman Cohn hatten die Vision, unabhängige “community based” Medien -Video, Tonträger, Fernsehen und heute auch Auftritte im Internet-zu produzieren, mit dem Ziel, Sprache und Kultur der Inuit zu erhalten und zu stärken und außerdem Arbeitsplätze zu schaffen und zur ökonomischen Entwicklung in Igloolik und Nunavut beizutragen.

Innerhalb eines Jahres wurde aus der Idee das Tarriaksuk Video Center, ein Ort an dem Schauspiel- und Videoworkshops durchgeführt und ein kleiner lokaler Fernsehsender aufgebaut wurden. Seither unterstützt das Medienzentrum unter anderem Videoworkshops für Frauen (Arnait Video Productions) und für Jugendliche (Inuusiq Youth Drama Workshops). Das lokale Kabel-TV Channel 24 produziert für das Sendegefäß Nunnatinniit (At Our Place) Nachrichten- und Reportagesendungen.

Schon 1989 waren die Isuma-Leute mit ihrem Dokudrama Qaggiq (Gathering Place) international bekannt geworden. Es zeigt vier Familien, die sich in einem Wintercamp um 1930 auf die Festlichkeiten zur Begrüßung des Frühlings vorbereiten und gemeinsam einen Quaggiq, einen großen Gemeinschafts-Iglu bauen. Dieser Ansatz, den traditionellen Alltag mit einheimischen Laiendarstellern in der lokalen Sprache nachzuspielen, und die Handlung in einen klar definierten historischen Kontext zu stellen, wurde in den folgenden Produktionen beibehalten und weiterentwickelt. Vorläufiger Höhepunkt ist der weltweit erfolgreiche Spielfilm Atanarjuat (The Fast Runner), dessen Handlung in der mythologischen Vergangenheit verankert ist. Dieser Film wurde 2001 am Filmfestival in Cannes mit der “Goldenen Kamera” ausgezeichnet. Die Fernsehserie Nunavut (Our Land) wurde in den Jahren 1994-95 produziert und spielt von 1944 bis 1946. In 13 Teilen von je 30 Minuten wird der Alltag von fünf nomadisierenden Großfamilien durch die arktischen Jahreszeiten nachgezeichnet. Vom Training der Hunde und der Kunst ein Iglu oder ein Steinhaus zu bauen bis hin zur Jagd auf Robben, Walrössern und Karibus dokumentieren sie die traditionellen Fähigkeiten und sozialen Beziehungen der Vorfahren, ohne den beginnenden Einfluss der christlichen Mission und der Weltpolitik auszublenden. Dass Nunavut (Our Land) an der Documenta 11 in Kassel vorgestellt wurde, ist ein Tribut an die außergewöhnliche ästhetische Qualität der Videoarbeiten aus Igloolik.

In weiteren Produktionen, die unter der Bezeichnung Story Tellers zusammengefasst werden, nimmt Igloolik Isuma Productions Inc. die Tradition des Geschichtenerzählens auf und führt sie mit dem neuen Medium Video weiter. Dabei entstehen neue und faszinierende Stilformen zwischen realen Erzählsituationen und fiktiven Erinnerungsbildern. Die beiden Gründungsmitglieder von Arnait Video Productions, die Filmemacherinnen Mary Kunuk und Marie-Helene Cousineau bewegen sich mit ihren Produktionen in eine ähnliche Stilrichtung, allerdings immer aus einer deutlich weiblichen Perspektive. Mary Kunuk ist in ihren jüngsten Arbeiten noch einen Schritt weiter gegangen und experimentiert mit Animationsbildern. Es ist die erklärte Absicht von Arnait Video Productions, dem Wissen und den Meinungen der Inuit-Frauen aller Generationen das ihnen gebührende Gehör in Nunavut selbst und im nationalen und internationalen Kontext zu verschaffen.

Schon einmal hatte eine Filmreihe aus der kanadischen Arktik das Interesse eines internationalen Publikums geweckt. Von 1963 bis 1965 filmte der Ethnologe Asen Balikci in Zusammenarbeit mit der Harvard University bei den Netsilik. Das Ziel war, eine Serie von Filmen zu produzieren, die US-amerikanischen Schülern und Studierenden als Anschauungsmaterial beim Studium fremder Kulturen dienen sollte. 1967 erschienen unter der Bezeichnung The Netsilik Eskimo Film Series 9 Filme, aufgeteilt in 21 Teile von je 30 Minuten Länge. Auch Asen Balikci hatte, wie übrigens schon Robert J. Flaherty für Nanook of the North (1922) das Genre des Docudramas, der “reenacted past” gewählt, und wie die Nunavut-Produzenten 30 Jahre später folgte Asen Balikci seinen Protagonisten auf ihrer Wanderung durch den arktischen Jahreszyklus. Trotz dieser Ähnlichkeiten auf den ersten Blick könnten die Vorgehensweisen und die Ziele der beiden Projekte unterschiedlicher nicht sein. Asen Balikci wollte als Außenseiter die Netsilik-Kultur Außenseitern näher bringen und war dabei den ethnographischen Konventionen von Objektivität und Ganzheit verpflichtet. Die Nunavut-Serie wurde von Inuit in erster Linie für Inuit als Publikum und Nutznießer produziert. Zacharias Kunuk umreißt diesen umfassenden Ansatz klar, wenn er sagt:” We create traditional artifacts, digital multimedia and desperatly needed jobs in the same activity. Young and old work together to keep our ancestors‘ knowledge alife.” Ein Vergleich dieser beiden Serien führt direkt zu Fragen im Kontext des spannenden und oft spannungsgeladenen Verhältnisses von Film, Ethnographie, Filmemachern, Protagonisten und Publikum.

Barbara Lüem