Der prekäre Zustand der Welt lässt sich an den Flüchtlingszahlen ablesen. Laut der Statistik der UNO sind derzeit über 50 Millionen Menschen auf der Flucht, sei es vor Kriegen, Umweltkatastrophen, Ernährungskrisen oder einfach mörderischen Verhältnissen. Migration und Flucht sind und bleiben eine zentrale Herausforderung unserer Zeit. Doch welche Geschichten und individuellen Schicksale verbergen sich hinter den monströsen Zahlen? Das Kino, aber auch die Literatur, haben es schon immer verstanden, migrantische Lebenswirklichkeiten in den Blick zu rücken. Mit Dokumentarfilmen und einer Lesung werden wir den vielfältigen Formen der globalen Migration nachgehen. Unser Blick richtet sich dabei in diesem Jahr auf Regionen außerhalb Europas.

Jacqueline van Vugts Dokumentarfilm BORDERS zeigt die gefährlichen und unberechenbaren innerafrikanischen Grenzen, die afrikanische Flüchtlinge überwinden müssen, um nach Europa zu gelangen. Wenn der Bewegungsradius extrem eingeschränkt ist, die nächste, nur unter großen Schwierigkeiten zu überwindende Grenzkontrolle droht, bekommen wir eine Ahnung von der permanenten Demütigung und davon, was es heißt, unfrei zu sein.

In Once Upon a Time begleitet der Filmemacher Kazim Öz eine kurdische Familie aus dem Osten der Türkei nach Ankara, wo sich Eltern wie Kinder für einen Hungerlohn als Saisonarbeiter auf den Salatfeldern abplagen. Wie Öz das ‚Unbehaustsein‘ dieser Menschen in behutsamen und unprätentiösen Bildern einfängt, bewegt und fasziniert zugleich. Wie in vielen Filmen des diesjährigen film forums wird auch hier deutlich, wie eine auf Wachstum zielende Ökonomie und die ungleiche Verteilung das Leben der ‚Zulieferer‘ bestimmt.

Ein wenn auch schwaches Zeichen der Hoffnung setzt dagegen der Dokumentarfilm ALL OF ME. Mexiko ist Transitland für die MigrantInnen aus Lateinamerika, die einen langen und lebensgefährlichen Weg auf sich nehmen, um in die USA zu gelangen. Sie durchqueren Mexiko auf dem Dach der „la bestia“ genannten Güterzüge und erleben auf dieser Reise oft die Hölle. Doch wenn der Zug durch den kleinen Ort La Patrona rattert, stehen Frauen der Initiative „Las Patronas“ an den Bahngleisen und werfen den hungrigen Menschen Proviantpakete zu. Seit 1995 kochen sie jeden Tag liebevoll unglaubliche Mengen von Mahlzeiten. Eine Geste der Solidarität und Humanität in einer entsolidarisierten Welt.

Eine ganz andere Geschichte aus einem anderen Kontinent erzählt uns der Regisseur Samir in seinem Dokumentarfilm Iraqi Odyssey. Das dreistündige Epos verbindet die drei Generationen umfassende Geschichte seiner Familie mit derjenigen des Iraks im 20. Jahrhundert. Mit umfangreichem Archivmaterial führt der Film in die Vergangenheit eines modernen, toleranten und ethnisch gemischten Iraks, von der im Westen wenig bekannt ist. Seine Familienmitglieder, die z.T. schon während der Herrschaft Saddam Husseins flohen und mittlerweile über die ganze Welt verstreut leben, berichten in Interviews aus ihren neuen Heimatorten von ihren individuellen Geschichten und Migrationswegen.

Angesichts der Vergangenheit, von der Samirs Film erzählt, wirkt die aktuelle Zerstörung des Nahen Ostens noch bestürzender. Die Bücher des in diesem Jahr mit dem Chamisso-Preis ausgezeichneten Schriftstellers Sherko Fatah nähern sich ihr auf behutsame Weise. Fast all führen in das seit dem ersten Golfkrieg von Gewalt und Terror gezeichnete Kurdengebiet im Norden des Irak, stellen dabei aber auch Verbindungen nach Deutschland her. Es sind Versuche einer literarischen Annäherung fernab der gängigen Medienberichterstattung, die zu verstehen versuchen und doch stets die Unzugänglichkeit der Situation respektieren.

Neriman Bayram