Medienanthropologische Notizen über den indigenen Umgang mit elektronischen Informations- und Kommunikationsmedien

von Robert A. Fischer

Die Miniaturisierung elektronischer Ton/Bild-Systeme während der letzten zehn Jahre stellt ein Instrumentarium für die Visuelle Kulturforschung bereit, das eine zunehmende Handhabbarkeit und Vertiefung der vorhergegangenen, fotografisch/filmischen Annährung mit sich bringt. Sie bringt aber auch neue soziale Begebenheiten hervor, die wiederum neue Forschungsobjekte bilden. Wir sind nun als (westliche) Kulturforscher im visuellen Bereich nicht mehr nur mit einem Korpus von Bildern (optisch, chemisch, elektrisch) außereuropäischer Gesellschaften konfrontiert, die von (westlichen) Bildermachern (Tafelbildmalern, Aquarellisten, Kartographen, Radierern, Fotografen, Filmern) ‘aufgenommen’ wurden. Die technologische Entwicklung, die Verbreitung und die relative finanzielle Zugänglichkeit der elektronischen Informations- und Kommunikationsmaschinen hat eine indigene Audiovisualität und Medienpraxis hervorgebracht, die es nun gilt, ethnologisch zu würdigen. Ich möchte die Entwicklung der elektronischen, audiovisuellen Praxis außereuropäischer Gesellschaften innerhalb einer neu zu definierenden medienanthropologischen Disziplin beleuchten.

Ich sah vor einigen Jahren auf einem Videokunst-Festival in Holland den ersten Teil einer Trilogie über traditionelle Lebensformen der Inuit der N.T. aus Kanada von dem Videasten Zachariah Kunuk. Er arbeitet innerhalb des Inuit-Fernsehprojekts in lgloolik und verfügt dort über den neuesten Stand audiovisueller Technologie. Seine Videographie erinnert inhaltlich an die Inuit-Filme von Asen Balikci aus den 50er Jahren. Balikci konnte damals noch - in letzter Minute authentische Aufnahmen der traditionellen Lebensweise aufnehmen. Kunuk hat das Leben seiner Vorfahren um die Jahrhundertwende nachstellen müssen, um es zu videographieren. Auf den ersten Blick entpuppt sich die Arbeit als ein ‘konventionelles’ Dokumentarband, nach durchaus westlichem Fernsehstandard. Die Programmierung des Videos innerhalb des experimentell ausgerichteten Videoart-Festivals, hat mich wahrscheinlich zu einer ’nicht-konventionellen’ Lektüre bewegt. Ich hatte den Eindruck, daß irgendetwas in dieser Arbeit nicht ’stimmte’! Erst während einer dritten Visionierung wurde mir bewußt, daß der Autor mit einem relativen Zeitbegriff arbeitet. Es wurde mir dann bald klar, daß die Polarvölker (aus verschiedenen Gründen) einen anderen Umgang mit dem Begriff Zeit, als die westlich industrialisierten Gesellschaften, pflegen. Vordergründig macht sich dabei die geographische Position der arktischen Länder bemerkbar, wo der Jahresablauf in eine Tages-und Nachtperiode aufgeteilt ist.

Das Ton/ Bild-System ist wie eine ‘fließende Zeitmaschine’: Der optisch-filmische Zeitablauf ist aus einer Anreihung einzelner Momentaufnahmen zusammengestellt, die in der rapiden Sukzession des fragmentarisierten Geschehens die Illusion der Kontinuität vermittelt. Das elektronische Videosystem ist gekennzeichnet durch das zeilenweise Abtasten von ‘Realität’ durch den elektronischen ‘Lichtpinsel’, der die gespeicherten Informationen in einer fortwährenden Bewegung auf dem Phosphor-Raster der Bildröhre wiedergibt. Die Materie des elektronischen Bildes selber ist innerhalb eines kontinuierlichen Zeitablaufs angesiedelt. Weitere Momente der Videotechnologie bekräftigen den Aspekt der fließenden Zeitmaschine - so u.a. die Möglichkeit mit den neuesten Apparaturen, eine Plansequenz von ganzen acht Stunden (ohne Unterbrechung) aufzunehmen oder die Möglichkeit, Bildinformationen in Echtzeit zu übermitteln (Video als Überwachungssystem Videotechnologie in der Fernseh-Livesituation).

Gelungene Experimente im Umgang mit Video, die sich von der Erbschaft der filmischen Bildverfahren emanzipiert haben (die dennoch vorwiegend die Produktionene des öffentlich-rechtlichen Fernsehens bestimmen), und gerade im Bereich der Videokunst, verweisen durchgehend auf diesen fließenden Umgang mit dem Faktor Zeit. Als Ethnologe konnte ich denn nicht erstaunt sein, daß ein Inuit-Videast gerade die Zeit als zentralen Moment seiner Videographie einsetzt. Er muß sich von keiner ‘filmischen Vergangenheit’ emanzipieren, und die Kontinuität seiner traditionellen, oralen ‘präliteralen’) Kommunikationskultur, weist durchaus eine strukturale Verwandtschaft (auf der Ebene der Maschinen-Architektur) mit der elektronischen Audiovisualität auf. Man kann in diesem Sinne annehmen, daß die elektronische Audiovisualität zu einem wichtigen Ausdrucksmittel außereuropäischer Kreativität werden kann - jenseits des westlich-bestimmten Alphabetisierungsprozesses.

In der zentralaustralischen ‘remote Community’ Yuendumu haben die Warlpiri-Aboriginals seit Anfang der 80er Jahre eine Reihe Video-und Fernsehproduktionen für den ‘Eigengebrauch’ hergestellt. Diese Videographien, die ich 1991 und 1992 eingehend studiert habe, weist einen ähnlichen, nichteuropäischen, kulturspezifischen Umgang mit der audiovisuellen Informations-und Kommunikationstechnologie auf. Ich wollte anläßlich dieses FILMFORUMS anhand von Beispielen aus der Produktion der ‘Warlpiri Media Association’ einige Aspekte ihrer Arbeiten im Sinne einer medienanthropologischen Annäherung diskutieren. Vor zwei Wochen verfügte die WMAjedoch ein Embargo der öffentlichen Vorführung ihres Materials. Zuerst sollten die Besitzverhältnisse umfassend geklärt werden. Die Verwaltung visueller Information im Zeitalter der elektronischen Medien bei den traditionell lebenden Aboriginals, bildet denn ein weiteres Thema der Medienanthropologie. Zur gleichen Zeit aber erreichte mich die Nachricht, daß sich die Warlpiri von Yuendumu mit drei anderen ‘remote communities’ der Western Desert zusammengetan haben, um ein ‘video-conference’-system’ (Videotelefon) via Satellit zu betreiben. Es verbindet Yuendumu, Kintore, Willowra und Lajamanu mit Alice Springs und Darwin - und darüber hinaus mit der ganzen Welt. Das Tanami Network’-Projekt wurde von einer australischen Telecomfirma entwickelt und hat 2 Millionen Dollar gekostet, die zum Teil vom Aboriginal-Ministerium in Canberra, dem Northern Territory und den Communities selbst getragen wurden. Das Netzwerk ist also eine rein aboriginale Institution.

Das System wird von den Warlpiri als ‘talkback-TV bezeichnet. Es wird für durchaus ‘traditionelle’ Aktivitäten benutzt (Verwandtschaftsbeziehungen, Zeremonienorganisation, ’sorrow-business’), aber auch für Beziehungen mit der europäischen Welt (Erziehung auf technischer Ebene, Diagnosen in Krankheitsfällen, Verkauf von Kunst und Handwerk). Als einen wahrhaft revolutionären Gebrauch des Systems, kann man seinen Einsatz als Alternative zu Gefängnisstrafen sehen (Gefängnisse sind während der letzten Jahre wegen der hohen Anzahl von Todesfällen unter den Aboriginais in Haft unter zunehmende Kritik geraten). Der ‘Häftling’ wird nun zur ‘community detention’ verurteilt, das heißt er muß seine Strafe innerhalb der Community ‘absitzen’ und täglich per ‘Talkback-TV seinem ‘Probation Officer’ rapportieren. Wir sehen hier die Anwendung einer High-Tech- Netzwerktechnologie im Dienst der traditionellen Aboriginal-Kultur.

Diese Notizen sollen auf das breite Feld neuer kulturwissenschaftlicher Themen hinweisen, die die (unumgängliche) Einführung elektronischer Informations- und Kommunikationstechnologien in außereuropäischen, traditionell lebenden Gesellschaften hervorbringen. Wir können (und müssen) dabei davon ausgehen, daß diese Gesellschaften damit einen durchaus selbstständigen, kreativen, kulturspezifischen Umgang pflegen (werden). Die Analyse ihrer Produktionen - im Sinne einer von Mark Oppitz als ‘Dunkelkammer-Ethnographie’ bezeichneten Methode - bildet den Stoff einer Medienanthropologie, die schließlich nicht nur den außereuropäischen, sondern auch den westlichen Umgang mit den neuen Informations-und Kommunikationstechnologien umfassen, soll.
Zürich, im April 1993