Fotoausstellung

07. - 18. Mai 1997, Kunstraum Alter Wiehrebahnhof

Viva Fidel! - eine Reise in die Absurdität

Digital verfremdete Reportagefotografie von Michael Najjar, Berlin

Die zwölf Bilder umfassende Ausstellung ist das Ergebnis einer Reportage, die Michael Najjar im vergangenen Jahr während eines einmonatigen Aufenthaltes in Kuba realisiert hat. Der thematische Schwerpunkt dieser Arbeit ist eine Reflektion über die traditionelle Reportagefotografie und ihre Veränderung durch den Einsatz digitaler Technologien.

Michael Najjar wurde 1966 in Landau geboren. 1988-1993 studierte er an der ‘Bildo Akademie für Kunst und Medien’ in Berlin. Fotoarbeiten in Rio de Janeiro, der Dominikanischen Republik, Madrid und Deutschland. Seit 1993 arbeitet er als freier Fotograf und ist seit 1995 Mitgesellschafter der Werbe-und Designagentur ‘ledesi’ in Berlin.
 

Die Wahrheit in der Krise?

Vom Einfluß digitaler Technologien auf die Reportagefotografie
von Michael Najjar

Der kubanische Maler Vicente Bonachea sagte einmal zu mir: »das Einzige, was die Kubaner wirklich ernst nehmen, ist das Absurde«.

Kuba ist nicht nur irgendein Land, es ist das letzte real existierende sozialistische Tropenparadies, anachronistisch, absurd, dadaistisch und surrealistisch. Die Logik des Systems liegt darin, daß es keine Logik gibt. Ein Land, das sich jeglichem rationalen Ver ständnis entzieht.

Kuba ist ein Pulverfaß und spätestens an dem Tag, an dem Fidél Castro stirbt, wird es explodieren. Auch jetzt schon glaubt man einen gewaltigen Schrei nach Veränderung zu hören, aber eine seltsame und unheimliche Stille erstickt den Schrei. Man wartet, aber niemand weiß worauf. Kuba lebt nicht, Kuba überlebt. Wie aber soll man die kubanische Realität in Bilder fassen, wie läßt sich das Absurde dokumentieren? Diese Frage führt mich zu einigen grundsätzlichen Überlegungen zum Thema Reportagefotografie: Die Vorstellung, ein Foto sei ein korrektes Abbild der Wirklichkeit, existiert, seit es das Medium Fotografie gibt. Insbesondere die Reportagefotografie ist seit jeher von einer scheinbaren Aura von Wahrheit umgeben, die sich aus der Immanenz der Fotografie ergibt: »so ist es gewesen!« Der Mythos der objektiven fotografischen Darstellung unterdrückt bis heute die subjektiven Aspekte der Fotografie. Unsere visuelle Wahrnehmung beruht darauf, daß wir glauben, was wir auf einem Foto sehen. Dies gilt im Besonderen für die Reportagefotografie. Mit dem Aufkommen der neuen digitalen Technologien, insbesondere der Möglichkeit der digitalen Bildverarbeitung, wird unsere visuelle Wahrnehmungsordnung in ihren Grundfesten erschüttert. Endlich!

Das Publikum ist heute bereits in hohem Maße mit den digitalen Technolgien konfrontiert, die unsere Wahrnemungsordung gewaltig durcheinander gewirbelt haben. Die digitale ®evoltution schreitet voran und zwar mit höchster Geschwindigkeit. Sie produziert ein beklemmendes Gefühl der Unsicherheit sowohl bei den Bildermachern als auch bei den Betrachtern. Es fehlt an Erfahrung und an verbindlichen Beurteilungskriterien im Umgang mit der digitalen Bilderwelt. das Grundvertrauen ist dahin, dokumentarische Bilder sind nicht mehr per se wirklich und wahr.

Bei einem Reportagefoto ist nicht die Authentizität der Momentaufnahme entscheidend, sondern die Symbolik der Botschaft. Auf dem Weg zu einem neuen Verständnis von Fotografie an sich, können digitale Techniken einen wichtigen Beitrag leisten. Der digitale Eingriff in ein Bild ermöglicht das Einfügen einer neuen Wahrnehmungsebene, die im analogen Foto nicht vorhanden war. Es stellt sich die Frage, ob ein digital bearbeitetes Foto, insbesondere ein Reportagefoto, deswegen weniger wahr ist, oder gar als Fälschung bezeichnet werden kann. Ich meine nein. Das Gegenteil ist der Fall. Vergessen wir nicht, die Interpretation eines Bildes findet immer im Kopf des Betrachters statt. Die Bedeutung dessen, was wir sehen, ist niemals das, was wir sehen, sondern, was es uns bedeutet. Bilder sind nicht dazu da, die Wirklichkeit zu beglaubigen, sondern sie zu deuten.

Aus diesem Grund stellt sich auch überhaupt nicht die Frage, ob Reportagefotos manipuliert werden dürfen oder nicht, sondern wie. Voraussetzung ist, daß die digitale Veränderung bei genauerem Studium des Fotos sichtbar und nachvollziehbar wird. Das ist der entscheidende Punkt. Digital manipulierte Reportagefotos, die keine sichtbaren Spuren solcher Eingriffe zeigen, bieten dem Betrachter keinerlei Ansatzpunkt zur Hinterfragung seiner eigenen Wahrnehmung. Ein Bild dagegen, welches auf den ersten Blick scheinbar innerlich und inhaltlich widerspruchsfrei erscheint, aber dennoch dem Vorwissen und der Erfahrung widerspricht, stellt eine Herausforderung dar, die sowohl den Fotografen, als auch den Betrachter im Umgang mit digitalen Bildern ein Stück weiter bringt. Die Bildaussage, die sich dem Betrachter auf den ersten Blick erschließt, hält er für wahr, er glaubt dem, was er sieht. Bei genauerer Betrachtung muß er seinen ersten Eindruck aber überdenken, er entdeckt eine neue Bildinformation, die die erste angebliche Wahrheit in Frage stellt, und er kommt zu der Erkenntnis »so kann es doch nicht gewesen sein«.

Und genau diesen Eindruck hatte ich während meiner Reise in Kuba. So kann es unmöglich gewesen sein. So wa(h)r es aber…