Fotoausstellung

7. Mai - 18. Juni 2003     Centre Culturel Français Freiburg

Seydou Keïta, Malick Sidibé, Philip Kwame Apagya

LES ATELIERS DES DÉSIRS – Wunschwelten aus westafrikanischen Fotostudios

In Zusammenarbeit mit dem Centre Culturel Français Freiburg.
 
Das goldene Zeitalter der westafrikanischen Studiofotografie begann in den 50er Jahren. Die Studios, die oftmals nur bescheidene Bretterbuden waren, umgab die Aura kleiner Traumfabriken. Sie waren Manufakturen der Illusion, Bühnen der Selbstinszenierung, Wunderkammer geheimen Begehrens. Der Fotograf wurde zum Herrscher über die Träume seiner Klientel. Er führte die Regie über die Inszenierung des Selbst, hatte aber auch dafür Sorge zu tragen, dass der Wunsch des Kunden und die Wirklichkeit der Bilder in Übereinstimmung gebracht wurden.

Taufe, Schuleintritt, Kommunion, Hochzeit; es sind die Riten des Übergangs zu denen man in Afrika, wie in Europa traditionell den Fotografen aufsucht, um sich anhand des Bildes seiner neu gewonnenen Identität zu vergewissern. Momente des Übergangs aber gibt es in Afrika viele. Schon eine neue Frisur, ein neues Kleid oder neue Boxhandschuhe sind Anlass genug sich vom Fotografen ablichten zu lassen. Dabei geht es nicht um eine vermeintliche Authentizität, Stilisierung und Inszenierung stehen ganz im Vordergrund der Aufnahme, vor allem, wenn vom Ergebnis 40 Abzüge an die 40 intimsten Freunde verteilt werden sollen.

Zur Inszenierung ihres Ego standen den Kunden eine ganze Reihe von Accessoires zur Verfügung; künstliche Blumen, Hocker oder Stühle, ähnlich europäischen Studios. Dazu kam aber zusätzlich ein großes Sortiment an Kleidungsstücken, wie dunkler Anzug, weißes Hemd, Krawatte, Hut; eine ganze Garderobe, die sich zumeist am Erscheinungsbild der kolonialen oder postkolonialen Macht orientierte und geeignet war die Abgelichteten aus ihren oft einfachen Lebensverhältnissen symbolisch zu befreien.

Seit den neunziger Jahren wird Seydou Keïta in der ganzen Welt als einer der Großen der westafrikanischen Studiofotografie gehandelt. Dabei war Keïta “nur” der Betreiber des bekanntesten Fotostudios in Bamako, der Hauptstadt Malis und seine Portraits eigentlich einfache Auftragsarbeiten von Privatleuten.

Keïta hatte eine Menge Kunden und er konnte sie nicht nur von Kopf bis Fuß einkleiden. Für sie hielt er all die Objekte bereit, die die Begehrlichkeiten der Moderne ausmachen: Armbanduhren, Füllfederhalter, ein Radio, ein Fahrrad, ein Motorroller. Die Frauen kamen noch traditionell in weiten Gewändern. Bei ihnen war der Schmuck besonders wichtig. Ohrringe, Armbänder und Lippenstift waren Zeichen des Wohlstandes, der Schönheit und Eleganz.

Berühmt wurde Keïta vor allem durch seine Frauenportraits und der auffälligen Ornamentik ihrer Gewänder. Auch wenn die in afrikanische Stoffe oftmals eingezeichneten Texturen in einem anderen kulturellen Kontext nicht gleich verstanden werden können, strahlen sie dennoch eine unmittelbare Faszination aus. Vor allem durch die Wahl des Hintergrundes, bei dem Keïta gerne auf Tapeten mit Blumen- oder Blattmuster setzte, scheinen Kleid und Tapete ineinander zu fließen. Die Konturen lösen sich auf und die Person verschmilzt förmlich mit ihrer Umgebung.

Auch Malick Sidibé, eine halbe Generation jünger als Keïta, betrieb ein Studio in Bamako und arbeitete zunächst ganz in der Tradition seiner älteren Kollegen. Das Motiv der zwei Herren auf dem Motorrad ist ein beredtes Beispiel dafür.

Sidibé aber ging noch einen Schritt weiter. Er verließ allabendlich das Atelier und besuchte die “fêtes surprises”, die Partys und Feste der jungen Generation. In den Jahren des Rumba, Twist und Rock‘n Roll fotografierte Sidibé eine neue selbstbewußte Generation, spontan und direkt. Im Kern noch Portrait werden seine Bilder zu lebendigen Reportagen und finden so die adäquate Form, die die Emanzipation der großstädtischen Jugend aus traditionellen Bindungen festhält. Auch seine Fotos der Badenden an den Ufern des Niger zeigen Sidibé als Chronist des sich in den 70er Jahren vollziehenden sozialen Wandels.

Portraitfotografie in diesen Jahren bedeutete Handarbeit. Gleich hinter dem Aufnahmestudio befand sich das Labor. Gearbeitet wurde schwarz-weiß und der Fotograf hatte alle Möglichkeiten dem Bild des Auftraggebers noch nach der Aufnahme etwas hinzuzufügen oder auch wegzunehmen. Eine hellere Haut vielleicht oder eine kleine Speckfalte als Ausdruck allgemeinen Wohlergehens, die Retusche vollendete den Prozess von der Idee der Aufnahme zum Abbild auf Papier.

Doch als Ende der 80er Jahre die ersten Chinesen und Inder mit ihren Farblabors nach Afrika kamen brach für die Studiofotografen die Welt zusammen. Niemand wollte mehr Schwarz-Weiß-Bilder haben und das Geschäft mit der Entwicklung und den Abzügen rissen die Labors an sich. Das Goldene Zeitalter der Studiofotografie war vorbei.

Auf der Suche nach einer Lösung, wie er sein Atelier wieder attraktiver machen könnte, stieß Philip Kwame Apagya aus Ghana, in den 90er Jahren auf die Kulissen seines Vaters, die natürlich vollkommen altmodisch und nicht mehr zu gebrauchen waren. Von einem Maler ließ er sich deshalb neue Hintergründe mit modernen Motiven malen: eine italienische Küche, ein Badezimmer, auf dem Flughafen, vor der Moschee, Accra, Manhattan … alle in grellen Farben natürlich. Und die Menschen kamen, um sich vor dem imaginären Fernseher und Computer oder dem gemalten Auto vor dem ebenfalls gemalten Eigenheim ablichten zu lassen.

Manche Prospekte sind dauerhaft in seinem Studio installiert, andere holt er nur zu Zeiten eines Festes hervor. Die Kulisse mit der Moschee etwa, vor der die Muslime gerne am Ende des Fastenmonats Ramadan posieren oder die Kulisse mit dem Häuptlingsschirm, die vor allem während der Ernte- und Totenfeste zum Einsatz kommt. Dabei werden diese Scheinwelten in keiner Weise für real gehalten, man begegnet ihnen nur auf ironische Weise. Diese hohe Kunst der Ikonographie gibt es nur in Afrika.

Scheinwelten? Erschreckt hat Apagya, wie er in einem Interview mit Tobias Wendl betont, das Afrikabild in den Medien. Das Afrika der Katastrophen: Hunger, Aids und Krieg. Er glaubt daher, dass seine Bilder auch außerhalb Afrikas wichtig sind: “denn ich zeige die andere Seite, ich zeige das Leben und die Träume …”
Mike Schlömer