von Susanne Weiker

Inuit - Menschen, so nennen sie sich selber. Bekannt sind sie den meisten von uns als Eskimo. Aber ‘Eskimo’, was übersetzt etwa ‘Rohfleischfresser’ heißt, ist eine eher abwertende Bezeichnung der benachbarten Indianerstämme Nordamerikas. Die Benennung zielte auf den Brauch der Inuit ab, Fleisch und Fisch zumeist roh zu verzehren - wo sollte auch schon ausreichend Brennstoff herkommen, in einer Region, in der Schnee und Eis das Leben bestimmen und lediglich die Flechten der Tundra Dochte und Heizmaterial für die Tranlampen lieferten.

Die Polar-Eskimo des Thule-Distrikts von Grönland sind die am weitesten nördlich lebenden Menschen. Von hier über Kanada und Alaska bis zur Ostspitze Sibiriens leben die Inuit weit über die Arktis verstreut. Sie sind Nachfahren eines asiatischen Volkes, das vermutlich vor 6 000 Jahren über die Behringstraße nach Alaska einwanderte und schließlich den gesamten arktischen Raum bis Grönland besiedelte. Ihre traditionelle Kultur wurde durch die extremen Lebensbedingungen bemerkenswert einheitlich geprägt.

Bis in unser Jahrhundert hinein lebten die Inuit als Nomaden im Rhythmus der Jahreszeiten. Den Winter und den Anfang des Frühlings verbrachten sie auf dem Eis des Meeres. In dieser Zeit schlössen sie sich in größeren Gruppen zusammen, um das Überleben zu sichern. Vor allem die Seehundjagd erforderte gemeinschaftliches Jagen. Es war eine langwierige und mühselige Arbeit die viel Geduld erforderte. Mit Hilfe ihrer Hunde spürten die Männer die Atemlöcher der Seehunde im Eis auf. Stundenlang warteten sie reglos, um das Tier blitzschnell beim Atemholen zu harpunieren. Da die Seehunde mehrere Atemlöcher gleichzeitig freihalten, war es notwendig an möglichst vielen dieser Löcher Jäger zu postieren.

Der Winter, der die Menschen zusammenrücken ließ, war auch die Zeit der Geselligkeit und der gegenseitigen Besuche. Es war die Hauptzeit für das gemeinschaftliche Leben mit Tanz und Spiel und Geschichtenerzählen. Die Tänze wurden in einem besonders großen Iglu, dem Tanzhaus abgehalten. Einziges Instrument, zu dem die Tänzer ihre Geschichten sangen war eine Felltrommel.

Wenn das Iglu mitzunehmender Sonnenwärme im Frühjahr feucht und unwohnlich wurde, lösten sich die Lebensgemeinschaften des Winterlagers auf. In Einzelfamilien aufgeteilt zogen die Inuit in ihre Frühjahrs-und Sommerlager, wo sie in Zelten aus Fellen und Häuten lebten. Nach dem harten und entbehrungsreichen Winter, der häufig von Hungerzeiten begleitet war, begann jetzt eine Zeit mit einem vielfältigeren und reichlichen Nahrungsangebot. Zu bestimmten Aktivitäten wie dem Lachsfang an den Steinwehren der Flüsse oder der Karibu-Jagd fanden sich mehrere Familiengruppen zusammen. Besonders wichtig war die sommerliche Fischfangsaison, die es ermöglichte, Nahrungslager für den Winter anzulegen.

Trotz der einheitlichen Prägung der traditionellen Lebensweise gab es entscheidende Unterschiede in der materiellen und geistigen Kultur der verschiedenen Stämme, z.B. in der Art sich zu kleiden oder Kajaks zu bauen, in der Sprache und in der Ausprägung des gemeinsamen Weltbildes. Dies alles wurde seit dem Vorstoß der Forschungsreisenden in die Arktis zerstört. Zuerst veränderten Fellhändler und Missionare das Leben der Inuit. Mit dem Einrichten von Handelsposten wurden eiserne Werkzeuge und Gewehre eingeführt, die die Jagd erleichterten und veränderten. Damit einher gingen tiefgreifende Veränderungen der Sozialstruktur. Innerhalb der Zeitspanne von ein, zwei Generationen ging schließlich in der Mitte unseres Jahrhunderts die traditionelle Kultur verloren. Die Inuit wurden seßhaft und in Dörfern und Städten angesiedelt. Heute prägt die Industriegesellschaft ihr Leben und das Bedürfnis nach Konsumgütern wächst wie überall auf der Welt. Die daraus resultierenden Probleme sind groß und in allen Ländern ähnlich. Ein Leben, indem die Männer auf die Jagd gehen können ist für die wenigsten möglich. Zudem ist der Tierbestand der Arktis drastisch reduziert.

Mit dem Verlust der alten Identität wächst aber auch ein neues Selbstbewußtsein der Inuit, die sich für ihren arktischen Lebensraum und ihre Rechte einsetzen. Sei es in Grönland, wo die Inuit in einem eigenen Staat zunehmende Unabhängigkeit gegenüber der alten Kolonialmacht Dänemark erringen oder in Kanada wo ihnen Rechte auf ein, wenn auch sehr begrenztes, Territorium ‘Nunavut’ zugesprochen wurden. Seit der Perestroika ist auch der seit einem halben Jahrhundert abgebrochene Kontakt zu den Yupik-Eskimo in Sibirien wieder möglich. Ausgelöst durch die Begegnung mit Inuits aus Alaska konkurrieren dort jetzt Überreste der traditionellen Kultur mit dem amerikanischen Einfluß. Gleichzeitig wächst auch ein neues Verbundenheitsgefühl mit den Inuit der anderen arktischen Länder.

Die Filme über Inuit, die auf dem 5. Filmforum: Ethnologie und Dritte Weltzusehen sind zeigen Aspekte der traditionellen Kultur oder befassen sich mit dem Thema der Akkulturation. Bis auf den jüngsten Film von Asen Balikci aus dem Jahre 1990 THE SIRENIKI CHRONICLE, der einen Einblick in das Leben der sibirischen Yupik-Eskimos gibt, konzentrieren sich die Filme auf Alaska, Kanada und Grönland. Das Spektrum der Filme ist breit. Es umfaßt so unterschiedliche Filme, wie die dokumentarische Rekonstruktion der traditionellen Lebensweise in der ‘Netsilik-Serie’ - beispielhaft präsentiert mit dem Teil - AT THE AUTUMN RIVER CAMP von Asen Balikci aus den 60ger Jahren, Hugh Brody’s THE ESKIMOS OF POND INLET, einem Fernsehfilm der ‘Disappearing World Serie’, der 1975 erstmals einem Massenpublikum Untertitel zumutete und sich als Sprachrohr der gefilmten Bewohner von Pond Inlet verstand, oder UK-SUUM CAUYAI: THE DRUMS OF WINTER (1988) von Leonard Kamerling und Sarah Eider. In diesem Film wird die Lebensfreude und Spiritualität, die sich in den traditionellen Liedern und Tänzen der Menschen von Emmonak in Alaska ausdrückt, auf einzigartige Weise sichtbar und spürbar.