Diavortrag

von Heike Behrend

Studiofotos aus Kenia

1982 begann ich, eher zufällig, in Kenia Fotostudios zu besuchen und dort hergestellte Fotos zu sammeln. Heute umfaßt die Sammlung einen Zeitraum von etwa vierzig Jahren und erlaubt, eine kleine Geschichte der Porträtfotografie in Kenia zu erzählen.

In Afrika hat die Porträtkunst eine lange Tradition. Statuen, Masken und Köpfe bildeten Porträts, die weniger das Idiosynkratrische einer Person als vielmehr ihre soziale Identität zum Ausdruck brachten. Auch mit der Verbreitung der Fotografie in Afrika hat sich, wie die Studiofotos zeigen, wenig daran geändert: Es ist vor allem die soziale Person versehen mit den Zeichen eines möglichst hohen Status, die Darstellung findet. Die Mühe, ein repräsentatives Bild seiner selbst zu geben ist denn auch auf allen Fotos deutlich im Arrangement und der Inszenierung zu erkennen. Dabei folgen die Inszenierungen einer Logik der wechselseitigen Erhöhung von Person und den sie umgebenden Dingen. Der Akt des Fotografierens wird so Aufwertung, eine Art zu loben. Doch bringen die Fotos neben der expliziten Intention ihrer Produzenten auch die Geschichte eines Ethos, einer impliziten Ordnung von Normen und Werten, zum Ausdruck. Die Veränderungen, die dieses Ethos in der Zeit erfahren hat, sind in die Fotos eingeschrieben. So läßt sich eine Geschichte der Moden, der Posen und der kulturellen Hegemonie der westlichen Kultur in den Fotos nachlesen. Auch geben sie Einblick in den Kult der Familie, der Liebe und der Freundschaft.

Wenn das Wesen der Fotografie die Kontingenz, der Zufall, der flüchtige Augenblick, ist, dann ziehen die fotografierten Porträts das ihnen Wesentliche aus der Spannung, die sich aus dieser Kontingenz und der Absicht, ein repräsentatives Bild seiner selbst zu liefern, ergibt. Denn das Lob der fotografierten Person, das die Inszenierung zu erzeugen sucht, wird fast immer im festgehaltenen Augenblick, im Zufallsschuß, sabotiert. Aber gerade in dieser Spannung zwischen Absicht und ihrer Vereitelung im Augenblick erlangen die Bilder eine biographische und historische Qualität. Und obwohl auf einigen Fotos die Lebensgeschichte der Abgebildeten zu sehen ist, erlauben uns die Bilder nicht zu glauben, daß das Sujet bereit sei zu sagen: Ich bin so wie Du mich siehst.