von Cat Vu

Die vietnamesische Filmkunst ist aus dem Dokumentarfilmschaffen hervorgegangen. Seinen Anfang nahm der vietnamesische Dokumentarfilm 1948 in Südvietnam mit dem Film DIE SCHLACHT VON MOC HOA. Einige Jahre später, am 5.März 1953, rief Präsident Ho Chi Minh in einem Palmenwald in Viet-Bac mit einer Verordnung die Vietnamesische Filmkunst ins Leben.

In den folgenden 27 Jahren waren zahlreiche Dokumentarfilme aus vietnamesischer Produktion international sehr erfolgreich. Von 18 auf ausländischen Festivals erhaltenen Preisen waren 15 für Dokumentarfilme. Die meisten dieser Filme wurden vor dem Befreiungstag, dem 30. April 1975, produziert.

Die Filme spiegelten vor allem den Invasionskrieg der Amerikaner wider. Die Bilder zeigten, wie die Amerikaner ihre viele Millionen Bomben über das Land gestreut haben und versuchten, das kleine Vietnam zu zerstören. Die Bilder sollten die Widerstandskraft des vietnamesischen Volkes stärken. Zwei Filme hatten eine überragende Bedeutung: DER WEG NACH VORN von dem Volksregisseur Hong Sen zeigt die Entschlossenheit der Vietnamesen, die Souverenität ihres Landes zu verteidigen, und der Film DER STAHLWALL IN VINH LINH des ausgezeichneten Regisseurs Ngoc Quynh beschreibt die Leiden, die dem vietnamesischen Volk durch die Luftangriffe der Amerikaner zugefügt wurden.

Um solche authentischen Bilder zu erhalten gingen viele Kameramänner direkt an die Front. Oft kamen nur die Filme zurück, während die Filmemacher im Kampf ihr Leben gelassen haben. Die Aufopferung des Vietnamesischen Volkes während des Krieges haben viele Menschen in der Welt gerührt. Deshalb spielte der Dokumentarfilm vor 1975 solch ein große Rolle. Diese Filme waren auch ein Hilferuf an die Menschheit, die Vietnamesen zu unterstützen. Nicht zuletzt durch diese Unterstützung hat das Vietnamesische Volk den Krieg am 30.4.1975 gewonnen.

Trotz der Freude über die Befreiung warteten auf Vietnam in der Nachkriegszeit viele neue Probleme. Nach über 30 Kriegsjahren hatte Vietnam schier unüberwindliche Probleme zu bewältigen. Nicht das ganze Volk stimmte mit den notwendigen Neuerungen überein, die sich aus der langen Teilung des Landes ergaben. Es war eine große Herausforderung für die Führung, die vielen unterschiedlichen Vorstellungen von einem Leben nach dem Kriege zu harmonisieren. Auch die Dokumentarfilmemacher sahen sich nach jahrelanger Kriegsberichterstattung vor völlig neue Aufgaben gestellt. Es durften nur noch Filme produziert werden, die im Einverständnis mit der Führung deren Politik unterstützten. Viele Regisseure hatten mit diesem passiven Verhalten ihre Schwierigkeiten. Das Land hatte wie ein menschlicher Körper gerade eine schwere Krankheit überstanden und war noch zu schwach, um eine kritische Reflektion der Verhältnisse zu ertragen. Des weiteren wurde jede Kritik unterbunden, weil jederzeit die Gefahr einer Wiederbelebung des alten Widerstands bestand. Dies ist der Grund, warum die heutigen Dokumentarfilme ihre kämpferische Kraft, das Wesen dieses Filmgenres, verloren haben.

In den letzten 15 Jahren sind vor allem zwei Dokumentarfilm-Regisseure aufgefallen. Der Nordvietnamese Tran Van Thuy mit seinen Filmen HANOI IN DEN AUGEN EINES ANDEREN, DIE SORGFÄLTIGE GESCHICHTE und DIE SEELE und der Regisseur Van Le aus Ho Chi Minh Stadt mit DAS ECHTE UND DAS FALSCHE oder DAS GUTE UND DAS BÖSE. Diese Filme gehören zu den seltenen Beispielen, in denen eine im Frieden lebenden Gesellschaft auch negative Erscheinungen freimütig äußert. Diese Bestrebungen sind zu begrüßen, zumal die Regisseure diese Themen gerne aufnehmen. Ob dann am Ende gute oder schlechte Filme entstehen, das hängt allerdings letztlich von der persönlichen Befähigung der Regisseure ab.

Ein weiterer Grund, warum die Qualität des vietnamesischen Dokumentarfilms so rapide gesunken ist, ist der Mangel an Spielstellen. Früher interessierte sich jeder wegen ihrer Aktualität für die Filme. Heute sind die internationalen Ereignisse attraktiver, während die lokalen kaum mehr von Interesse sind. Diese Zurückhaltung vermindert auch den Enthusiasmus der Filmemacher. Desweiteren hat die zunehmende Verbreitung der kommerziellen Filme den Dokumentarfilm verdrängt. Auch das Verhältnis zwischen Kino- und Fernsehproduktion ist für die Zukunft noch nicht entschieden. Welche Rolle der Dokumentarfilm in Zukunft spielen wird, steht noch nicht fest. Aus dieser Agonie heraus läßt sich erklären, warum es in Vietnam zur Zeit so wenig interessante Dokumentarfilme gibt.

Zur Rettung des Dokumentarfilms hat das Vietnam Cinema Department erste Schritte unternommen. Erste Tagungen und Seminare wurden abgehalten, und 1995 wird es erstmals einen Preis für den besten Dokumentarfilm geben. Aber all das ist noch viel zu wenig.

Die Autorin Cat Vu ist Filmkritikerin der Zeitschrift ‘Tuoi Tre’ und des Filmmagazins ‘Tap Chi Phim’ in Ho Chi Minh Stadt (Übersetzung: Nguyen Huu Huan)