Filme von Jean-Luc Chambard, Sayed Mirza und Raymond Depardon

Dreimal Piparsod

»Die Idee des kulturellen Austausches war das tragende Moment: zwei Filmemacher, ein Inder und ein Franzose, sollten ihren ganz persönlichen Blick auf das gleiche Objekt werfen dürfen. Die gleichen zeitlichen und technischen Voraussetzungen galten für beide…

Der Inder und der Franzose repräsentieren zwei extreme Situationen: Der Blick des Fremden bleibt an der Oberfläche der Dinge haften, er beschreibt die Erscheinungen, wie sie sich ihm beim ersten Blick darstellen, ohne Vorbereitung, ohne Kenntnis der Sprache; die Kamera wird dabei zum Instrument dieser Entdeckung und ‘naiven’ Inszenierung - vergleichbar der Kamera Albert Kahns Anfang des Jahrhunderts. Zwei Kulturen treffen sich vor und hinter diesem ‘mechanischen Auge’, am Nullpunkt einer kinematographischen Sprache. Nur Raymond Depardon, Reporter, Photograph und großer Filmemacher des ‘cinèma direct’, ist dazu imstande, diese sehr schwierige Rolle zu spielen. Auf der anderen Seite Sayed Mirza, ein Filmemacher, der mit den Realitäten des indischen Lebens vertraut ist und der sich gleichzeitig als engagierter Filmemacher einen Namen machte.

Das Thema wurde aus zwei Gründen gewählt: zum einen, weil die Mehrzahl der indischen Bevölkerung in Dörfen wohnt (‘Indien, das sind die Dörfer’, wie Nehru sagte), zum anderen, weil Piparsod einer weitreichenden ethnologischen und sozialen Untersuchung von Jean-Luc Chambard unterzogen wurde. Chambards Untersuchungen Anfang der 60er Jahre brachten einen detaillierten Atlas des Dorfes sowie einen 30-minütigen Film hervor.« (Jean-Luc Chambard)

 

Das Leben im indischen Dorf Piparsod -
aus der Sicht eines französischen Filmemachers.

Aus dem Tagebuch von Jean-Luc Chambard:

Donnerstag, der 4. Februar 1982.

Wie gewöhnlich fährt mein Zug, den ich normalerweise zur Fahrt in ‘mein’ Dorf Piparsod benutze, um 7.30 Uhr morgens vom Bahnhof Nizamuddin (New Delhi Süd) ab. Heute begleiten mich zwei Filmteams, die zwei Filme im gleichen Dorf drehen wollen. Erster Zwischenaufenthalt in Gwalior. Hier steigt Sayed Mirza zu, ein Filmemacher aus Bombay, bekannt durch seine durchaus experimentellen Filme; begleitet wird er von Sharma, seinem Kameramann und Raju, seinem Tonmann. Sharma ist Brahmane, was ihm helfen wird, in Brahmanen-Familien im Dorf zu drehen. Auf französischer Seite: Jean-Pierre Beauviala, Erfinder und Hersteller einer ‘timecode’-Kamera, mit der gedreht werden soll, und Marie-Laure de Decker, eine Photographin, die durch ihre Aufnahmen in Biafra und Tschad bekannt wurde. Während der ganzen Fahrt stehe ich Rede und Antwort über ‘mein’ Dorf und seine Bewohner. In Gwalior erreichen wir gerade den Bus nach Shivpuri, einer Stadt ungefähr 120 km südlich, und verbringen dort eine angenehme Nacht im ‘Bombay Koti’, einem alten Bungalow, der dem Maharadja von Gwalior gehört. In der Nähe liegt das Mausoleum seiner Familie (‘Chhatri’), den Gründern Shivpuris im Jahre 1920.

Freitag, der 5. Februar 1982.

Sayed Mirza fährt mit dem ersten Bus allein nach Piparsod. Als Inder möchte er ohne Team zuerst ein paar Tage Kontakt mit den Menschen des Dorfes aufnehmen. Ich bitte ihn nur, meinen Freund Brahman Shivprasa ‘Azad’, eine wichtige Person des Dorfes, aufzusuchen; er wird sich sehr gut mit ihm verstehen und die Konzeption seines Filmes mit ihm zusammen festlegen.

Samstag, der 6. Februar 1982.

Wir fahren mit dem letzten Bus ins Dorf; wie gewohnt ist der Bus überfüllt, und wir erreichen nach 45 Minuten Fahrt auf holpriger Straße bei einbrechender Nacht das Dorf. Der ‘Sarpanch’, Vorsitzender des ‘Panchayat’ (Gemeinderat) begrüßt uns und kündigt an, daß er entschieden habe, uns im Sekretariat des Gemeindehauses zu beherbergen.

Sonntag, der 7. Februar 1982.

Sayed Mirza beginnt zu drehen; er filmt abends die Rückkehr der Kühe von der gemeinschaftlichen Wiese.

Mittwoch, der 10. Februar 1982.

Jean-Pierre Chambard, mein ältester Sohn, kommt an. Er kommt als Photograph und kommt zum ersten Mal wieder ins Dorf, nachdem er zwei Jahre seiner Kindheit dort zugebracht hatte.

Donnerstag, der 11. Februar 1982.

Wir gehen zusammen mit Beauviala nach Shivpuri, um Raymond Depardon abzuholen. Wir finden ihn in einem indischen Hotel, da er schon am Vorabend ankam und sich dort einquartierte. Aufs neue der vollbesetzte Bus nach Piparsod, in dem sich die Leute zum Essen zusamengefunden haben. Für uns ein französisches Ratatouille, zubereitet von meinem langjährigen ‘Koch’ und Informanten Nathuram, dem Frisör. Depardon erklärt uns sein Prinzip des Filmens.

Freitag, der 12. Februar 1982.

Das ganze Dorf ist auf den Beinen. Man sieht Depardon, seine Kamera geschultert, ein Tonband umgehängt - er bildet ganz allein das Filmteam -, filmend, oder manchmal auch nur simulierend. Ich freue mich, die beiden Filmgruppen im Dorf zu sehen, die auf so unterschiedliche Weise die Bauern dieses Dorfes auf Film und Photo bannen.

Sonntag, der 14. Februar 1982.

Abfahrt mit dem Bus, gefilmt von Raymond Depardon und von Sayed Mirza mit seiner Equipe. Großer Bahnhof.

(aus: Pascal-Emmanuel Gallet: Piparsod, Un village indien, Collection Regards Croisés, Ministère des relations extérieures - Bureau d’animation culturelle, Paris 1984) (übersetzt von Werner Kobe)

»Dieses Projekt ist der Ausgangspunkt eines permanenten Austausches zwischen einer neuen Generation indischer und französischer Filmemacher, die dokumentarisch und gleichzeitig fiktiv arbeiten. Es soll kein Austausch im ‘klassischen’ Sinne sein, wir wollen die neuen Möglichkeiten der 16mm-Kameratechnik austauschen, die gerade für Inder von Interesse sein kann, die bisher fast ausschließlich mit der schweren 35mm-Technik arbeiteten.« (Jean-Pierre Beauviala)