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Zur Ausstellung, "les ateliers des desirs":

Badische Zeitung vom Samstag, 24. Mai 2003

Schmunzeln in der Traumfabrik

Das Film Forum und das Centre Culturel Français zeigen in Freiburg Wunschwelten der westafrikanischen Fotografie

"Unsere Vorfahren hatten verstanden, dass zu viel seriöses Gehabe eine Kultur töten kann. Der Humor spielt darin eine bedeutende Rolle", äußerte kürzlich der malische Künstler Ismaël Diabaté auf dem Weltsozialforum in Porto Alegre. Wie Humor gar in die Porträtfotografie westafrikanischer Länder eingeflossen ist, kann derzeit in der Ausstellung "Les atéliers des désirs" nachvollzogen werden, die das Freiburger Film Forum in Zusammenarbeit mit dem Centre Culturel Français zeigt. In den Fotos der zwei Malier Seydou Këita und Malick Sidibé sowie des Ghanaers Philip Kwame Apagya lässt sich gerade in der Thematisierung kolonialer Einflüsse das Moment des Schmunzelns, des Sich-nicht-allzu-Ernst-Nehmens beobachten.

Da sind die Studioporträts von Këita, dessen Arbeiten noch in die Jahre der französischen Verwaltung fallen. Mit einer Großformat-Kamera lichtete der Autodidakt, der erst Schreiner war, stolze Patriarchen und Frauen in aufwändig drapierten Kleidern ab, deren Textur mit dem Hintergrund zu verschmelzen scheint. Wunschwelten kamen ins Spiel, als sich die Kunden immer lieber mit Requisiten aus der westlichen Welt ablichten ließen: "Die Popularität eines Studios war damals davon abhängig, wie viele Kleider der Fotograf zur Verfügung stellen konnte", so Mike Schlömer vom Film Forum. "Anzüge, Krawatten, wenn möglich noch Armbanduhr, teurer Füller, Radioapparat - alles, womit man sich gut in Szene setzen konnte." Das Schlüpfen in einen schicken Anzug, ein keckes Posieren auf dem Motorroller als symbolische Flucht vor der Armut - damit ließ es sich trefflich protzen.

Dass Këita erst in den Neunzigern von einem internationalen Publikum entdeckt, im Guggenheim-Museum New York oder dem Berliner Haus der Kulturen der Welt gezeigt wurde, ist sicherlich dem anwachsenden Afrika-Interesse Europas und der ausgeprägten Nachfrage nach exotischer Nostalgie in Kunst und Musik zu danken. Nicht von ungefähr sind Bilder von Këitas jüngerem Landsmann Sidibé in einem CD-Booklet der kürzlich wiederentdeckten Afro-Salsa-Band Orchestra Baobab platziert. Sidibés Schnappschüsse von einer Twist tanzenden und ausgelassen feiernden Jugend in schnieken Klamotten haben in den Clubs von Bamako den ungestümen Aufbruch Malis in die Unabhängigkeit eingefangen. Die Studioarrangements weichen einer lebendigen Dokumentation der Loslösung Malis von Frankreich und seiner Hinwendung zu den Idealen und Idolen der US-geprägten Funk- und Soul-Generation. Wunschwelten aus der Traumfabrik des Studios manifestierten sich so vermehrt im öffentlichen Leben.

Wie im Programm des diesjährigen Film Forums soll auch in der Fotoschau ein Zusammenhang zwischen technischen und kulturellen Veränderungen sichtbar werden, so Schlömer. Zu diesem Zweck gruppierte er zu den historischen Abzügen der beiden Malier aktuelle Bilder von Apagya aus Ghana, der unter veränderten Vorzeichen, mit Farbfilm ins Studio zurückkehrte. Wünsche erfüllt er ganz plakativ anhand gemalter Kulissen, die den Besitz westlicher Markengüter vom Videorekorder bis zur Whiskyflasche mit einem Augenzwinkern vorspiegeln wollen. So können seine Kunden auf einem Rasen vor türmchengekrönter Villa lagern, in einem gefakten Computer-Büro Platz nehmen oder sie stehen unternehmungslustig am Fuße einer gemalten Jumbo-Gangway.

In manchen Bildern freilich wird das Launige von tragischen Momenten durchbrochen: Mit unbeschreiblich traurigem Gesichtsausdruck präsentiert eine Frau den gemalten, prall gefüllten Kühlschrank, den sie in ihrer eigenen Behausung so nie vorfinden wird, eine andere posiert vor der grellbunten Konsumgüter-Fassade mit drei Kindern. Doch diese wurden für den Fototermin ausgeliehen - vielleicht das eindrücklichste aller Wunschbilder in einer Gesellschaft, in der Frauen ohne Nachwuchs immer noch als nahezu wertlos gelten.

Stefan Franzen