TERRA INCOGNITA

Überall in Europa werden Geflüchtete in fast verlassenen Dörfern untergebracht, um Kosten zu sparen und der Landflucht entgegenzuwirken. Aber wie gelingt ein Zuhause an einem Ort, den andere verlassen wollen? TERRA INCOGNITA ist Teil eines ethnologisch-künstlerischen Forschungsprojektes der Ethnologin Shirley van der Maarel über geflüchtete Menschen, die in dem abgelegenen Valle di Comino untergebracht werden. Wir lernen unterschiedliche Bewohner*innen kennen, Kinder und Erwachsene, aus Asien, Afrika und natürlich auch Einheimische, deren gemeinsame facettenreiche Hintergründe ein neues Leben im halbverlassenen Ort entstehen lassen. Mehr als nur als ein Dokumentarfilm, ist TERRA INCOGNITA ein Einblick in eine absurde Realität.

Buch, Regie, Kamera: Shirley van der Maarel
Sounddesign: Olivier Terpstra
Kontakt: hello@shirleyvandermaarel.com
Forschungsprojekt: www.land-unknown.eu

They Call Me Babu

Mama, I miss you so much,“ so beginnt ein Brief, den Alima an ihre Mutter schreibt. Sie ist eine der unzähligen Indonesierinnen, die im ehemaligen Niederländisch-Ostindien der 1940er Jahre als „Babu” oder Kindermädchen für eine niederländische Familie arbeitet. Die Stimme einer Erzählerin, die zu ihrer toten Mutter spricht, schwebt durch dieses fesselnde und aufschlussreiche Stück Kino und erinnert an Heimvideos und Wochenschauen. Während der Kolonialherrschaft war es üblich, dass holländische Familien Super8 oder 16mm Filme für Freunde und Verwandte drehten, um ihnen das Leben in der Kolonie zu zeigen: die Kinder, den Reichtum an tropischen Früchten, die exotischen Eigenheiten. Die Dienstmädchen spielten hierbei meist nur am Rand eine Rolle. Aus dieser Herrschaftsperspektive und fast 500 Bildquellen, kontrastiert mit der Erzählung vieler Dienstmädchen kompiliert Sandra Beerends ihr Lehrstück über Themen wie Selbstbestimmung, Frauenrechte und Unterdrückung und entlarvt die Einseitigkeit der Geschichtsschreibung, wie sie vielerorts bis heute gelehrt wird.

Sandra Beerends lebt in den Niederlanden und arbeitet als Autorin, Creative Producer und Regisseurin für den niederländischen TV-Sender NTR und betreibt ihre eigene Produktionsfirma Beruang. Sie koproduziert und schreibt das Drehbuch zu KAUWBOY (2012, R: Boudewijn Koole), ebenso bei dem Kurzfilm ARIGATO (2012, R: Anielle Webster). THEY CALL ME BABU ist ihr erster eigener Film.

Buch, Regie: Sandra Beerends
Montage: Ruben van der Hammen
Musik: Alex Simu
Stimme Alima: Denise Aznam
Recherche: Dorette Schootemeijer, Hans van den Berg
Line-Producer: Celine Baggen
Produktion, Verleih: PVH Pieter van Huijstee, Rudolf Kats rudolf@pvhfilm.nl

 

 

Tanzania Transit

Drei lange Tage und Nächte rollt ein gut besetzter Zug durch Tansania, von der Hauptstadt in die Provinz. In der dritten Klasse sitzen der charismatische Massai Isaya mit seinem Enkel William, der sein Geld zu Großvaters Unverständnis im urbanen Showbusiness verdient. In der Mittelklasse stoßen wir auf die unternehmerische Rukia, die als junges Mädchen zwangsverheiratet und später mit einem kleinen Sohn allein zurückgelassen wurde. Nun wagt sie als Betreiberin einer Bar einen Neustart. Vorne im Zug, wo die Erste-Klasse-Passagiere reisen, begegnen wir der enigmatischen Stimme des Priesters Peter, der eine Gangsterkarriere hinter sich hat und sich jetzt – ob gefragt oder nicht – den Sorgen seiner Mitreisenden annimmt.
Tansania im Transit. Während der Zug durch die staubige Landschaft fährt zeichnet der Film nicht nur ein Bild der Armut, der Vorurteile, den Anfeindungen gegenüber den Massai, sondern auch der gesellschaftlichen Veränderungen, des Aufbruchs und eines Blicks, der nach vorne schaut, wohin immer die Reise geht.

Wild Flower

Sie kocht Brennnesseln, schnäuzt sich vernehmlich, kann Feuer spucken, wenn sie redet, und war schon als Kind hässlich, sagt sie selbst. Dann aber flechtet Lule, die Schafhirtin, ihre Zöpfe, kleidet sich sorgsam in ihrer Tracht für den Besuch in der Stadt – nein, sie ist eine stolze Burrnesha, eine Frau, die aus freiem Willen aufs Heiraten und Kinderkriegen verzichtet hat. Als jüngste Tochter einer albanischen Hirtenfamilie war sie einem viel älteren Mann zugedacht, doch mehrere Umstände ließen sie sich früh zu diesem Leben als Mann entscheiden und die Rolle des Familienoberhaupts einnehmen. Es entsprach ihrem Temperament.
WILD FLOWER ist eine Hommage an eine aussterbende Lebensform, nicht nur der Tradition der geschworenen Jungfrau, sondern auch der Schafwirtschaft. Beides geht in dem Film innig zusammen. Wie ein handaufgezogenes Lamm ihr auf dem Fuße folgt, leuchtet eine andere Welt auf.

Tirana International Film Festival 2016, bester Dokumentarfilm

Tanzania Transit

Drei lange Tage und Nächte rollt ein gut besetzter Zug durch Tansania, von der Hauptstadt in die Provinz. In der dritten Klasse sitzen der charismatische Massai Isaya mit seinem Enkel William, der sein Geld zu Großvaters Unverständnis im urbanen Showbusiness verdient. In der Mittelklasse stoßen wir auf die unternehmerische Rukia, die als junges Mädchen zwangsverheiratet und später mit einem kleinen Sohn allein zurückgelassen wurde. Nun wagt sie als Betreiberin einer Bar einen Neustart. Vorne im Zug, wo die Erste-Klasse-Passagiere reisen, begegnen wir der enigmatischen Stimme des Priesters Peter, der eine Gangsterkarriere hinter sich hat und sich jetzt – ob gefragt oder nicht – den Sorgen seiner Mitreisenden annimmt.
Tansania im Transit. Während der Zug durch die staubige Landschaft fährt zeichnet der Film nicht nur ein Bild der Armut, der Vorurteile, den Anfeindungen gegenüber den Massai, sondern auch der gesellschaftlichen Veränderungen, des Aufbruchs und eines Blicks, der nach vorne schaut, wohin immer die Reise geht.

BRASS UNBOUND

Eine Reise der Blechmusik um die Welt. Blechblasinstrumente fanden ihren Weg in die Kolonien und zu den noch so weit entlegensten Völkern im Gepäck der Missionare, der Händler und der Armeen. Ihre beeindruckende Größe, ihre Formen und nicht zuletzt ihre Stimmgewaltigkeit fanden überall großen Anklang. So beginnt die Geschichte des Films. 

Die Blechblasinstrumente fanden in vielen Völkern schnell Eingang in die traditionellen Formender lokalen Musik, und es wurden ihnen bestimmte Rollen zugewiesen. Eine spezielle Musik war geboren: eine Musik, die die Kolonisation und die Unabhängigkeit der Staaten begleitete und - paradoxerweise -danach wieder nach Europazurückkam. 

An vier Beispielen in ehemaligen Kolonialländern wird der heutige Gebrauch der Instrumente aufgezeigt: in Nepal und Ghana - zwei Extreme britischer Kolonialpolitik - sowie in Surinam und den Celebes-Inseln, zwei ehemals holländischen Kolonien. So finden wir den Sound der ghanesischen Trommeln in Surinam und das Echo nepalesischer Musik in der vulkanischen Gegend der Celebes-Inseln. 

Basierend auf einer langen musikethnologischen Untersuchung ist dieser Film mehr als nur eine simple Beschreibung der Geschichte der Nutzung der Blechblasinstrumente.

Johan van der Keuken über seine Arbeit:
Da ich meist die Kamera selbst in der Hand halte, kann ich mit dem, was ich als Bild sehe, direkt auf die Situationen reagieren. So funktionieren meine Kamera und ich in der Kälte anders als in den Tropen; wenn es um einen herum viel Bewegung und Unruhe gibt zieht es mich mit hinein; wenn Ruhe herrscht, werde ich mit meiner Kamera nachdenklicher. All die unterschiedlichen Verhaltensweisen übertragen sich auf mich und meine Kamera…

Ich arbeite sehr viel mit dem Ton, ohne daß damit eine Fetischierung der Technik verbunden ist. Wichtiger Bestandteil meines Filmemachens ist der Austausch mit der Person, die den Ton nimmt (die meistens ein Freund oder meine Frau Nosh ist). Die Beziehung zwischen Stimmen und Geräuschen ist sehr wichtig und interessiert mich sehr. Die wichtigste Arbeit beginnt dann am Schneidetisch. Es gilt, die Spannung zwischen dem vorhandenen Ton und den zugehörigen Bildern zu finden…” 

Johan van der Keuken, geboren 1938 gehört zu den wichtigsten Dokumentarfilmemachern der heutigen Zeit. Seit seinem Studium an der ID-HEC in Paris (1956-1958) hat er ungefähr 40 Filme gemacht. Daneben ist er auch bekannt als Fotograf.

METAAL EN MELANCHOLIE

Verrostete klapprige Taxis verschiedener Größen und Farben durchstreifen Lima. Am Steuer sitzen Lehrer, Schauspieler, Ökonomen, Geheimdienstagenten und Putzfrauen. In der Hauptstadt Perus kann sich jeder für ein paar centavos das Schild mit dem magischen Wort ‘Taxi’ kaufen, es auf die Windschutzscheibe kleben und sich mit seinem alten Auto in den verrückten Verkehr der Siebenmillionenstadt werfen; einer Metropole zwischen Verrücktheit und Hoffnungslosigkeit, wo bis auf die Autos nichts mehr funktioniert! Die Konkurrenz ist knallhart, der Lohn kümmerlich, aber immer noch besser als die lächerlich niedrigen Beamtengehälter. Jeder Taxibesitzer pflegt eifersüchtig sein Fahrzeug; jeder hat sich unfehlbare Tricks ausgedacht, um es zu schützen.

In zahlreichen Anekdoten erzählen diese Überlebenskünstler vom wachsenden sozialen Chaos Limas. Hinter jeder Persönlichkeit verbirgt sich eine tragikomische Geschichte: »Ein spanischer Poet hat gesagt, Peru bestünde aus Metall und Melancholie; Metall, weil die Leiden und die Armut uns die Härte des Metalls gegeben haben; Melancholie, weil wir auch weich sind und uns nach der Vergangenheit sehnen«.

JALAN RAYA POS - The Great Post Road

Die große Poststraße wurde im letzten Jahrhundert von den holländischen Kolonisatoren und Siedlern angelegt. Der Bau kostete viele Menschenleben. Die Straße erstreckt sich über tausend Kilometer auf der Insel Java. Die Kamera fährt die Straße ab, um dem Schriftsteller Pramudya Ananta Toer Auge und Ohr »zu ersetzen«, denn der ehemalige politische Gefangene und bekannteste indonesische Dichter steht unter Hausarrest. Er schreibt einen Essay über die große Poststraße für diesen Film. Der Film ist einerseits ein Portrait über einen Mann in Schwierigkeiten, andererseits auch das Tagebuch einer Reise, die die Wunden der Kolonisation und der aktuellen Diktatur in Indonesien reflektiert.

Bernie Ijdis, geboren 1945, begann zunächst als Filmproduzent. Seit 1985 dreht er Dokumentarfilme: Een Passie onder de Loupe (1984); Vrolik (1985); Dream Mail (1986); Brieven (1987); De Diensingang (1989); De Pitch (1990); A Dreamscape (1994); JALAN RAYA POS (1996)

SINGSING TUMBUAN

Anfang 1989 beschlossen die Ältesten des Dorfes Birap ein Singsing Tumbuan, d.h. eine Maskentanz-Zeremonie zu Beginn der Trockenperiode des folgenden Jahres abzuhalten, um die Trauerzeit für drei verstorbene Dorfälteste abzuschließen. Das Singsing fand im Mai 1990 statt. Dieses insgesamt drei Teile umfassende Dokumentarvideo zeigt die Vorbereitungen und die Ausführung der Tanz-Zeremonie. Es illustriert, wie derartige Zeremonien die Gemeinschaft durch gegenseitige Abhängigkeiten zur Kooperation verpflichten: Differenzen zwischen den Geschlechtern und Generationen werden überbrückt und das durch Reglementierungen geprägte Leben der Dorfbewohner erhält so eine gewisse »Würze«.

Dem Wunsch des Maskentanz-Leiters gemäß, soll diese lange 170-Min.-Version einem kulturell interessierten Kino-Publikum außerhalb Papua Neu Guineas zugänglich gemacht werden. Sie enthält im Gegensatz zu der kürzeren, einem Massenpublikum zugänglichen Fernsehversion, Elemente, die von den Papuas selbst als culturally sensitive betrachtet werden. 

Marsha Berman studierte Ethnologie,Visuelle Anthropologie und Film in den Niederlanden und lebt seit 1986 in Papua Neu Guinea. MASK DANCE ist ihr erster Film. 

IN HET HUIS VAN MIJN VADER

»In unserer islamischen Gesellschaft zahlt immer die Frau den Preis – warum?« 

Mit diesen Worten bringt eine junge Marokkanerin in einer Debatte über Sexualität die bis heute ungebrochenen patriarchalischen Geschlechterverhältnisse in ihrer Heimat auf den Punkt. Dies ist auch Thema dieser sehr persönlichen, nachdenklich-engagierten Recherche über die Familiengeschichte der Regisseurin Fatima Jebli Ouazzani. Im Gespräch mit ihr, bekennt deren Großvater ebenso aufgebracht wie freimütig: »Eine entjungferte Frau ist wie ein Cous-Cous von gestern.« Wie er, der seine Tochter mit 14 verheiratete, denken auch heute noch viele Marokkaner, die selbstverständlich davon ausgehen, daß eine Frau nur jungfräulich in die Ehe gehen darf. 

Die Regisseurin geht in ihrem Film dem Mythos des Hymens auf den Grund. Im Alter von elf Jahren kam Fatima Jebli Ouazzani mit ihren Eltern nach Holland. Sieben Jahre später verließ ihr Vater seine Mutter, um ein 17-jähriges marokkanisches Mädchen zu heiraten. Um dem Schicksal ihrer Mutter zu entgehen, verließ Fatima im Alter von 18 Jahren das Haus ihres Vaters. Heute lebt sie unverheiratet und kinderlos als Filmemacherin in den Niederlanden. Ihr Film dokumentiert neben den Gesprächen mit ihren Großeltern eine traditionelle marokkanische Hochzeit, deren Ritualen sich auch emanzipierte Frauen, die schon lange im Ausland leben, noch unterwerfen. In inszenierten Sequenzen erinnert sie sich immer wieder an ihren Vater, der sie bedingungslos liebte bis sie ins heiratsfähige Alter kam, und zu dem sie heute wieder Kontakt sucht.

Fatima Jebli Ouazzani zum autobiographischen Charakter ihres Films:

»Der Film erzählt eine Geschichte, die für mich sehr persönlich ist, und die mir sehr viel abverlangt hat. Zuerst wollte ich meine Geschichte durch andere Frauen – jung und alt – erzählen lassen. Als die Sache konkret wurde, zogen sich die Frauen plötzlich zurück, also beschloß ich, den Film auf mich zu beziehen. Dabei kam eine Selbstentblößung heraus, und ich mußte meinen Großeltern schmerzhafte Fragen stellen. Ich lebte mit dem Risiko der Beschuldigung, meine Familie zu betrügen.«

Fatima Jebli Ouazzani wurde 1959 in Marroko geboren. 1970 kam sie mit ihren Eltern nach Holland. Nach einem Psychologiestudium arbeitete sie als freie Journalistin für das holländische Fernsehen und Radio. 1992 beendete sie ihr Studium an der Dutch Film School in Amsterdam als Regisseurin und Drehbuchautorin. Filme: THE HYMEN (1987); HET DODE VLEES (1990); THE LITTLE HELENE (1992); VOORBIJ DE JAREN VAN ONSCHULD (1993)