SCREENING ROOM WITH ROBERT GARDNER, JEAN ROUCH

SCREENING ROOM war eine Bostoner Fernsehsendung der 1970er Jahre. Konzipiert und präsentiert wurde sie von dem Filmemacher Robert Gardner. Fast zehn Jahre lang bot sie unabhängigen Filmemachern ein Forum, wo sie ihre Arbeiten präsentieren und diskutieren konnten. In dieser Sendung stellt Jean Rouch seine Arbeit und seine Filme vor.

Robert Gardner, geboren 1925 in Brookline, Massachusetts. Er war Dekan an der Fakultät für Visual and Environmental Studies in Harvard und Leiter des Carpenter Center for Visual Arts. Filme (Auswahl): DEAD BIRDS (1964); RIVERS OF SAND (1974); DEEP HEARTS (1981); FOREST OF BLISS (1986).

Forest of Bliss

 ‘Bliss’ könnte man mit ‘Glückseligkeit’ übersetzen, aber eigentlich kann dieses Wort nicht übersetzt werden. ‘Bliss’ ist ein Zustand der Unschuld, der Freude, in gewissem Sinn einer jenseitigen Freude und gleichzeitig ein Zustand der Gefahr. Manchmal verwendet man diesen Begriff auch bei Menschen die zu viel Drogen genommen haben. ‘Bliss’ ist aber nicht einfach nur Freude, oder Extase, es ist kein reiner Zustand, sondern gerade das Gegenteil davon. ‘Forest’ ist ein schöner, aber auch gefährlicher Ort. Der Wald ist dunkel, wo du dich fürchtest, wo du dich verlaufen’ kannst.

Viele Menschen, die Benares gut kennen, mögen meinen Film. Aber die Indologen, jene wirklich gut gebildeten Menschen, die eine genaue Vorstellung davon haben, was Benares ist, für die habe ich mit dem Film etwas unverzeihliches gemacht.” (Robert Gardner)

Forest of Bliss’ ist sicher Gardners radikalster Film. Eingerahmt in den Ablauf eines Tages, von Sonnenaufgang bis Sonnenaufgang, montiert der Autor ein Stimmungsbild, ein Gemälde, ein filmisches Nachdenken über Leben und Tod. (Festival Katalog 1989)

Ika Hands

Dieser Film wurde in den Sierra Nevadas Nordkolumbiens aufgenommen. Die Menschen, die hier wohnen sind vermutlich die letzten überlebenden Nachfahren der Maya. Der Film zeigt das tägliche Leben der Ika. Auf einer zweiten Ebene nähert er sich behutsam dem Wesen einer der führenden Figuren dieser Gemeinschaft. Dabei wird auf eine ungewöhnliche Art Kamera geführt, die nach den kurzen Erläuterungen des Filmemachers am Anfang des Films auf ihre Art einmalig ist. Zu sehen ist ein Mann, teils Mystiker, teils Priester und teils gewöhnlicher Hausvorstand, der Rituale vollzieht und während einer offensichtlich schmerzhaften Meditation Gebete darbringt. Seine sakrale und profane Arbeit wird oft von monotonen Gesängen begleitet. Der Film ist ein neuer Versuch eines anderen, eines neuen Umgangs, nicht nur mit Informationen, sondern auch mit Gefühlen und Stimmungen. (Festival Katalog 1989)

Rivers of Sand

Ein Film, der die Kultur der Hamar (Südwestäthiopien) zum Thema hat und der eine heftige Kontroverse auslöste. Beschrieben wird die Welt der Frauen, die mit der der Männer kontrastiert. Gardner vermittelt sein persönliches Bild der Hamar, von dem sich die an dem Film beteiligten Ethnologen später distanziert haben. Die rituelle Auspeitschung einer jungen Frau wird zum Stein des Anstoßes, da Gardner es versäumt, die nötigen Hintergrundinformationen zu geben, etwa über die sozialen und psychologischen Zusammenhänge zwischen einer rituellen Auspeitschung (die Frau wird von den Männern des Clans geschlagen, in den sie einheiratet, was die Frauen offensichtlich - d.h. im Bild sichtbar - mit Stolz annehmen) und der ‘Gewohnheit’ der Hamar-Männer, ihre Frauen zu verprügeln. Wie bei vielen seiner Filme, wollen die Ethnologen nicht verstehen, daß Gardner anderes im Sinn hat, als Wissenschaftlichkeit. Ihm geht es auch bei RIVERS OF SAND um seine Reflexion über die menschliche Existenz, in diesem Fall über das Verhältnis zwischen Männern und Frauen. (Festival Katalog 1989)

 

Deep Hearts

Die häufigste Kritik, die an Gardners Filmen RIVERS OF SANDS und FOREST OF BLISS formuliert wird, ist seine für ethnologische Filme ungewöhnliche und expressive Poetik.

DEEP HEARTS ist in dieser Beziehung sicher der reduzierteste und konsequenteste Film. Der gezeigte kulturelle Ausschnitt ist sehr klein und das Interesse an filmischer Ästhetik sehr groß.

Während der Regenzeit versammeln sich die Bororo, nomadiche Fulbe-Viehzüchter im Sahel, um ihr ‘Gerewol’ abzuhalten. Dieses Stammesfest ist einerseits eine politische Zusammenkunft und andererseits eine theatralische Veranstaltung. Gegenstand des Filmes ist der Höhepunkt des ‘Gerewol’-Festes. Junge Männer zweier Verwandtschaftsgruppen schminken und schmücken sich, und werden in Frauenkleider gehüllt zu androgynen Gestalten, die an einem ‘Schönheits’-Wettbewerb mit sexuellen Anspielungen teilnehmen.

Die inhaltliche Kritik an diesem Film setzt an den widersprüchlichen Kommentaren an. Während die Bilder Harmonie und Gemeinsamkeiten zeigen, wird kommentiert, daß der Wettbewerb zu ernsten Auseinandersetzungen unter den Männern führt, und die Niederlage eines Einzelnen seinen Stolz zutiefst verletzt. (Festival Katalog 1989)

 

Sons of Shiva

SONS OF SHIVA ist Teil der Trilogie “Pleasing God”, die Gardner zusammen mit Akos Östör produziert hat. Östör hat in Vishnupur (West-Bengalen) seit 1967 ausgedehnte Feldforschungen durchgeführt, aus dieser Arbeit heraus entstanden drei Filme, die einmal unter Gardners und ein anderes Mal unter Östörs Regie erstellt wurden.

Gardner’s Beitrag SONS OF SHIVA ist ein gelungener Versuch eine 4 Tage dauernde Zeremonie des Shivakultes zu filmen. Die Verehrer der Gottheit Shiva durchlaufen verschiedene Stadien ihres Kultes, der in asketischen, selbstverneinenden Praktiken kulminiert. Gezeigt werden auch profane Handlungen am Rande des Geschehens, wie z.B. die Vorbereitung von Speisen, oder Gläubige, die den Liedern des berühmten Asketen Bauls von Bengalen zuhören. (Festival Katalog 1989)

Altar of Fire

Das alte vedische Feueropfer - das Agnicayana - fand 1975 vielleicht zum letzten Mal in einem kleinen südindischen Dorf statt. Aufgeführt wurde es von einer Gruppe geschulter Nambudiri Brahmanen, die sich mehrere Wochen auf die anstrengende sowie schwierige Zeremonie vorbereiteten. Der Film ist ein schlichtes Werk, der ein wichtiges, im verschwinden begriffenes Ritualdrama dokumentiert. Der Film stellt das Ritual nicht in seinem sozio-ökonomischen Kontext des vedischen Agnicayana Dramas dar, sondern zeigt eine speziell für die Aufnahmen inszenierte Aufführung, die so heute nicht mehr existiert. Diese Herauslösung eines Rituals aus seinem gesellschaftlichen Zusammenhang ist unter anderem von Robert A. Paul in einer Besprechung im American Anthropologist stark kritisiert worden. Unbestritten ist, daß auch dieser Film durch Gardners hervorragende Kameraarbeit besticht. (Festival Katalog 1989)

Mark Tobey Abroad

Der große amerikanische Maler Mark Tobey wird von Gardner ein zweites Mal gefilmt. Tobey hat sich mittlerweile nach Basel zurückgezogen, wo er seine letzten Lebensjahre verbrachte. Er spricht über seine und die Werke befreundeter Maler wie z.B. Picasso, mit bemerkenswerter Offenheit. Tobeys Vitalität, sein Humor und seine zuweilen bissige Argumentation spiegeln sich in seinem Werk wieder. (Festival Katalog 1989)

Mark Tobey

MARK TOBEY entstand zu Beginn der 50er Jahre, als der amerikanische Maler in Seattle lebte. In diesem, seinem zweiten Film erzählt Gardner mit filmsprachlichen Mitteln, wie der Maler damals die Welt sah. Ein Film in dem Tobey beobachtet wird, aber auch selbst gestaltet. Der Film hat experimentellen Charakter und ist von der Arbeit Maya Derens beeinflußt (vgl. DIVINE HORSEMEN in unserem Programm). (Festival Katalog 1989)

Blunden Harbour

Ende der 40er Jahre war Blunden Harbour ein kleines Dorf an der Küste von Vancouver Island, in British Columbia (Kanada). Die Menschen die hier lebten, waren verarmte Kwakiutl-Familien, die ihr mageres Auskommen durch Fischen und Sammeln verdienten.

Robert Gardner war damals noch Student der Anthropologie an der University of Washington (Seattle), als er nach Blunden Harbour ging, in der Hoffnung ein größeres Filmprojekt über die Kwakiutl, die von Ruth Benedict und Franz Boas so ausgiebig studiert wurden, zu realisieren. Während seines Aufenthaltes in dem Dorf drehte Gardner diese kurze filmische Skizze in schwarz-weiß, für ein größeres Unternehmen über ein Volk und seine Umwelt. Das Vorhaben wurde nicht realisiert und was blieb ist eines der wenigen Zeugnisse des einst so stolzen Volkes der Kwakiutl. Der Film ist das Erstlingswerk Gardners, ein Versuch den Rhythmus und die Atmosphäre eines Ortes mit der Kamera einzufangen. (Festival Katalog 1989)