THE GOOD WOMAN OF BANGKOK

Dieser Film ist eine Dokumentation über Prostitution. Er zeichnet das Phänomen als Metapher für den Kapitalismus und die Beziehungen zwischen Mann und Frau im allgemeinen, und im Falle der Protagonistin, auf der Grenzlinie zwischen unterschiedlichen Kulturen. THE GOOD WOMAN OF BANGKOK ist außerdem ein Film über die voyeuristischen Aspekte des Filmemachens und des Filmesehens. Mit 43 Jahren erlebte O’Rourke wie seine Ehe in die Brüche ging. In der Zeit danach versuchte er zu verstehen, daß Liebe gleichzeitig banal und tiefgreifend sein kann. Er beschließt nach Bangkok zu gehen, dem Mekka westlicher Männer mit Träumen von exotischem Sex und schmerzloser Liebe. Und er ist entschlossen, sich zu verlieben. Als ihr Kunde lernt O’Rourke Aoi kennen, verliebt sich in sie und beginnt ein neunmonatiges Verhältnis. Selbst persönlich engagiert, gibt O’Rourke durch Aois Augen einen Einblick in ihre persönliche Situation und die ökonomischen Bedingungen, die sie und andere in die Prostitution treiben. Er versucht ihr beim Ausstieg aus diesen Lebensumständen zu helfen und bietet ihr an, eine Reisfarm für sie und ihre Familie zu kaufen. Sie nimmt das Angebot an, will von seiner Liebe aber nichts wissen. Der Titel des Films deutet es an: O’Rourke versucht in diesem Film eine Parabel im Brecht’schen Sinn zu erzählen, eine Parabel über die Unmöglichkeit ein gutes Leben in einer schlechten Welt zu führen.

CANNIBAL TOURS

»Ich frage mich, ob ihre Lebensweise besser ist als die unsere, so im Einklang mit der Natur?«
»Den Experten zufolge, sind sie glücklich, gut genährt und eigentlich zufrieden.«
»Das stimmt. Das Problem ist Apathie und Faulheit.«
»Aber wir sollten versuchen, ihnen zu helfen, in der Welt vorwärtszukommen. Wir sollten sie ausbilden und sie dazu anregen, sich anders zu verhalten.«

Dieser Dialog ist Teil einer Diskussion, die Touristen auf einem Luxusboot führen, mit dem sie auf dem Sepik-Fluß in Papua-Neuguinea unterwegs sind. Soeben sind sie von einem Landausflug und dem Besuch in einem Dorf zurückgekommen. CANNIBAL TOURS lenkt den Blick auf die Unterschiede und die verblüffenden Ähnlichkeiten, die deutlich werden, wenn »zivilisierte« auf »primitive« Menschen treffen. O’Rourke will mit diesem Film zwei Reisen nachzeichnen: Die Kreuzfahrt und eine Reise im metaphysischen Sinn des Wortes. In dieser zweiten Reise wird versucht, den Platz zu lokalisieren, den die »Anderen« in der Vorstellungswelt der breiten westlichen Bevölkerung einnehmen. Es wird ein Blick geworfen hinter das fließende Konzept der Zivilisation, dorthin, wo die moderne Massenkultur an die essentiellen Aspekte des Menschseins stößt und sich daran reibt. Ein Prozess, in dem sich viel, was als westliche »Werte« gilt, als hohl und banal entpuppt.

Auf sehr eindrückliche, aber humoristische Art läßt der Film den Besuchern und den Besuchten Raum, ihre Eindrücke der jeweils Anderen zu schildern.

HALF LIFE, A PARABLE FOR THE NUCLEAR AGE

Kurz nach der atomaren Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki, suchten amerikanische Militärs nach einem geeigneten Gelände für weitere atomare Tests. Sie wählten die Marshall-Inseln, eine Gruppe kleiner Atolle mitten im Pazifik. Die Amerikaner hatten die Inselgruppe soeben von den Japanern zurückerobert. Die melanesischen Einheimischen waren nicht sehr zahlreich und international politisch völlig machtlos. Das von den Amerikanern 1947 mitunterzeichnete »United Nations Strategic Trust Agreement« hätte sie eigentlich verpflichtet, die Grundrechte und die Freiheit der Inselbewohner zu respektieren und zu schützen. Nichtsdestotrotz zündete die »U.S. Atomic Energy Commission« zwischen 1946 und 1958 mindestens 66 Atom- und Wasserstoffbomben auf den Inseln. ‚Bravo’ war der Codename für den ersten H-Bomben-Versuch. Später veröffentlichte Dokumente haben gezeigt, daß die Amerikaner der Sovjetunion zeigen wollten, daß sie über solche Waffen verfügten. Sie wollten aber auch soviel Erfahrungen wie möglich über die Wirkung des atomaren Fallouts sammeln. Obwohl die ‚Bravo’-Bombe fünfhundertmal stärker war als frühere Testbomben, wurden die Bewohner der Insel Rongelap weder gewarnt noch evakuiert. Die Bombe wurde zwar auf einem menschenleeren Atoll gezündet, aber die Winde bliesen den Fallout in Richtung Rongelap. In derselben Nacht schon entwickelte die ganze Bevölkerung Krankheitssymptome. Amerikanische Schiffe in den Gewässern um Rongelap erhielten den Befehl, das Gebiet zu verlassen, obwohl sie die verstrahlten Menschen hätten retten können. Als diese Fakten dann öffentlich wurden, beriefen sich die U.S. Militärs auf den Wind, der unerwartet seine Richtung geändert und so zu dem »Unglück« geführt habe. In HALF LIFE zeigt O’Rourke mit erschreckender Deutlichkeit auf, daß die Verstrahlung der Bevölkerung von Rongelap absolut kein ‚Unglück’ war, sondern Teil eines zynischen Planes, die Melanesier als menschliche Versuchskaninchen in einem wissenschaftlichen Projekt zu mißbrauchen.

SHARKCALLERS OF KONTU

Seit Jahrhunderten fangen die Männer von Kontu, einer kleinen Insel vor der Küste von Neu-Irland, Haifische auf eine traditionelle Art. Nach ausgedehnten Reinigungsritualen begeben sie sich auf zerbrechlichen Kanus auf das Meer hinaus, wo sie mit Rasseln und ritualisierten Gesängen nach den Haifischen rufen, von denen sie glauben, sie wären mit ihnen verwandt. Sobald die Fische sich den Kanus nähern und auftauchen, fangen und töten die Männer sie mit ihren bloßen Händen. Ihren Erfolg verkünden sie durch das Blasen großer Muscheltrompeten. Heute, nach 100 Jahren Kolonisation, nach wirtschaftlicher Ausbeutung und intensiver Missionierung, sind nur noch eine Handvoll Männer übriggeblieben, welche über die traditionellen Fähigkeiten und das zugehörige Wissen verfügen, ein Wissen, das die Menschen auf Kontu mit ihrer kulturellen Vergangenheit verbindet. Dennis O’Rourke hat sechs Monate auf Kontu gelebt und durfte das rituelle Rufen der Haifische filmisch dokumentieren. In seinem Film hat er außerdem versucht, die Einflüsse des Westens auf Kontu und ihre zerstörerischen Wirkungen auf die ursprüngliche einheimische Kultur zu analysieren.

ILEKSEN – Elections

ILEKSEN (Pidgin-Wort für englisch ‚election’) ist eine Art Fortsetzung von Dennis 0’Rourkes erstem Film YUMI YET, in dem er die Unabhängigkeitsfeiern Papua-Neuguineas im Jahre 1975 nachzeichnet. Nun bereitet sich die junge Nation auf ihre ersten Wahlen vor und die Landbevölkerung wird in das britische Wahlsystem eingeführt. Da die lokalen Politiker über kein Mediennetzwerk verfügen, sind sie auf ihren Erfindungsgeist angewiesen, um Stimmen zu fangen. Einer von ihnen engagiert eine phonstarke Rock’n Roll Gruppe, ein anderer trinkt Tee mit einem britischen Schulvorsteher. Wieder ein anderer geht von Dorf zu Dorf – in traditioneller Kleidung inklusive Kopfschmuck aus Federn – und verkündet mit Hilfe eines Megaphons seine einzige Parole: »Vergeßt die Anderen!«

In ILEKSEN zeichnet O’Rourke ein witziges, aber dennoch respektvolles Bild des Wahlkampfes. Für westliche Betrachter erscheint er ziemlich chaotisch zu sein, aber die Einwohner Papua-Neuguineas sprechen begeistert darauf an.

YUMI YET

1975 endete für Papua-Neuguinea eine hundertjährige Periode der Kolonialisierung. Eine Bevölkerung von drei Millionen, in der ungefähr 700 unterschiedliche Sprachen gesprochen werden und die verteilt auf mehrere Hundert Inseln und Tälern lebt, wurde plötzlich zu einer Nation. Papua-Neuguinea bereitete sich auf die Unabhängigkeit vor, wurde Mitglied der UNO und richtete sich darauf ein, Teil einer sich schnell verändernden internationalen Welt zu werden. YUMI YET ist ein Bericht über den Ablauf der Ereignisse am Unabhägigkeitstag in einem Land, das sich aus einer Gruppe von zum Teil feindlichen Stämmen zu einer modernen Demokratie wandeln soll. Die Radiostation fordert die Bevölkerung auf, sich dem wichtigen Erreignis entsprechend zu kleiden. »Weiße Langarmhemden und schwarze Hosen für die Männer und dazu passende Kleidung für die Frauen.« Aber niemand scheint sich um diese Anweisungen zu kümmern. Alle kleiden sie sich auf traditionelle Art, inklusive Körperbemalung, Federn und Blumen. Offizielle Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland kommen per Flugzeug an. Alles ist bereit für den Beginn der Zeremonie und auch Prince Charles ist da, um der Unabhängigkeit seinen Segen zu geben. Und obwohl es dem Regenmacher gelungen ist, einen Platzregen zu inszenieren, sehen alle fröhlich und optimistisch zu, wie die Flagge ihres neuen Staates zum allerersten Mal hochgezogen wird.

Cannibal Tours

Eine europäische Touristengruppe, unter ihnen einige Deutsche, hat eine Reise nach Papua Neuguinea gebucht. Wenn heute Touristen in die entlegensten Winkel dieser Erde reisen, sind dann jene die sie besuchen das Kuriosum oder vielleicht sie selbst? Dieser Dokumentarfilm ist solch einer Begegnung auf der Spur. Beide Seiten kommen in Interviews zu Wort und äußern sich zu ihrer Begegnung mit den anderen. Gezeigt wird ein Kulturkontakt, der so oder ähnlich überall auf der Welt tagtäglich stattfindet. Ein Film der betroffen macht! Der australische Filmemacher Dennis O’Rourke hat sich in seinen zahlreichen Filmen immer wieder kulturübergreifender Themen angenommen, seien es die ersten Wahlen auf Papua Neuguinea, Atombombenversuche im Pazifik oder die Einrichtung einer Fernsehstation auf der kleinen Pazifikinsel Yap. (Festival Katalog 1989)